Gedanken von Dieter

(26.04.26) Nackt gekommen, nackt gegangen: Ein Manifest der Indifferenz

1. Die Frage nach der Selbstdarstellung
Ich werde oft gefragt – mal neugierig, mal mit Unverständnis: „Du siehst dich wohl gerne nackt, weil du das so öffentlich machst?“ Sei es im Blog, auf Polarsteps oder in meinem öffentlichen WhatsApp-Status, den Kunden, Mieter und Geschäftspartner sehen können. Meine Antwort ist so simpel wie logisch: Nein. Es geht nicht darum, sich „gerne zu sehen“. Nacktheit ist für mich in der Natur eine Selbstverständlichkeit. Sie ist ein Zustand, genau wie das Angezogen-Sein. In beiden Zuständen bin ich identisch. Ich bin einfach „Dieter“.

2. Die nackte Wahrheit der Steppe (Morgenland)
Meine Reise durch Kasachstan führte mich zum Monumentalfriedhof bei Bestamak. Ein Ort der steinernen Gegensätze: Prunkvolle Mausoleen oben, radikale Gleichheit unten. Im Islam wird der Verstorbene nur in ein schlichtes weisses Leinentuch (Kafan) gehüllt. Barfüssig, unbeschnitten, nackt unter dem Stoff – so tritt man vor seinen Schöpfer.

  • Die Quelle: Sure 19 (Maryam), Vers 95: „Und jeder von ihnen wird am Tag der Auferstehung ganz allein (nackt/vereinzelt) zu Ihm kommen.
  • Die Toleranz, die ich als Naturist in islamischen Ländern erfahre, fusst auf Sure 2 (Al-Baqara), Vers 256: „Es gibt keinen Zwang im Glauben.“ Dieser Respekt erlaubt ein Nebeneinander von Schamhaftigkeit (Haya) und individueller Freiheit.

3. Das christlich-abendländische Erbe
In meiner kulturellen Heimat ist Nacktheit tief in Kunst und Liturgie verwurzelt.

  • Die biblische Basis: Genesis 2, 25 beschreibt den Urzustand: „Sie waren beide nackt […] und schämten sich nicht.“ Hiob 1, 21 bestätigt: „Nackt kam ich aus dem Leib meiner Mutter, nackt kehre ich dorthin zurück.
  • Kirchenlehre: In der frühen Kirche war die Nackttaufe Standard – der Mensch tritt vor Gott, wie er geschaffen wurde. 
  • Papst Johannes Paul II. lehrte in seiner „Theologie des Leibes“ die Personwürde des nackten Körpers. 
  • Papst Franziskus erinnert in „Amoris Laetitia“, dass der Körper ein Geschenk Gottes ist, das man bewundern darf.

4. Kunst und FreiKörperKultur: Die Normalität der Anatomie
Ein Spaziergang durch den Vatikan oder die großen Museen Europas zeigt: Das Abendland hat den Körper nie versteckt. Von Michelangelos „David“ bis zu den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle – Penisse, Vulvas, Vaginas und Brustwarzen sind dort keine Provokation, sondern Ausdruck der göttlichen Ästhetik und anatomischen Wahrheit. In der christlich geprägten Kunst ist die Darstellung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale eine Selbstverständlichkeit, um die Vollkommenheit der Schöpfung abzubilden.

In der Neuzeit entwickelte sich daraus in Europa eine einzigartige FreiKörperKultur (FKK). In Deutschland entstand um 1900 die Lebensreform-Bewegung, die erkannte, dass Licht, Luft und nackte Haut Heilmittel gegen die Enge der Industrialisierung sind. In Dänemark erlaubt das Aktivgesetz die Nacktheit in der Natur als Grundrecht. Im nackten Zustand fallen alle Standesunterschiede; man begegnet sich einfach als Mensch.

5. Fazit: Identität ohne Maske
Wer sich nicht hinter Kleidung verstecken muss, um „jemand“ zu sein, erreicht eine Form der Ehrlichkeit, die durch keinen Anzug ersetzt werden kann. Nackt gekommen, nackt reisend, nackt gehend – dazwischen bin ich einfach „Dieter“.


(12.04.26) Logik vs. Interpretation – Warum „meine“ Reise nicht „unsere“ Reise sein kann

Ein Telefonat mit Maria heute hat mich nachdenklich gemacht. Sie sagte, sie habe festgestellt, dass diese Reise – so wie sie jetzt abläuft – ohnehin nichts für sie gewesen wäre. Zu viel Fahrleistung, zu wenig Zeit für Besichtigungen, zu viel „Schnellstrasse“.

Als Asperger-Autist löst dieser Gedanke bei mir ein grosses Fragezeichen aus. Er ist für mich unlogisch.

Maria übersieht dabei den entscheidenden Faktor: Die Rahmenbedingungen haben sich radikal geändert. Es ist nicht mehr unsere Reise, die wir gemeinsam und gemütlich gestaltet hätten. Es ist jetzt meine Reise plus die Bedürfnisse von Tequila. Ein  klassischer „Double Empathy Gap“!

Wir hatten einen Plan für das „Wir“: Gemeinsam ab Asien entschleunigen, schauen, wie weit wir kommen, ohne Druck. Doch nun bin ich allein. Mein Tempo, mein Fokus, mein Projekt. Ich habe die Freiheit, jede Sekunde neu zu entscheiden. Aktuell treibt mich mein innerer Kompass eben zügiger Richtung Mongolei, um dort den Raum für Begegnungen zu finden.

Für mich ist es völlig logisch, dass ich allein anders reise als zu zweit. Dass neurotypische Menschen dazu neigen, ihr eigenes Empfinden in das Handeln anderer hineinzuinterpretieren und Erwartungshaltungen an einen Prozess zu knüpfen, der gar nicht mehr derselbe ist, bleibt mir fremd. In meinem Kopf hat niemand anderes eine Erwartungshaltung zu setzen – hier herrscht die Freiheit der Logik und des Augenblicks.

Lies hierzu auch den Gegenentwurf: [Gedanken für Maria: Von unterschiedlichen Geschwindigkeiten]


(10.04.26) Wenn das Unbewusste die Segel streicht – Eine Lektion in Demut
Ein philosophischer Blick hinter die Kulissen der eigenen Belastbarkeit.

Manchmal ist es nicht das Ereignis selbst, das uns in die Knie zwingt, sondern der Schatten, den es vorauswirft. Die AdBlue-Panne in Kroatien und Serbien war für mich sachlich betrachtet nur ein weiteres Projekt, eine Aufgabe, die es zu lösen galt. Ich blieb ruhig, ich funktionierte. Doch als der Motor wieder schnurrte und die Gefahr gebannt war, fiel ich in eine Erschöpfung, die mit normaler Müdigkeit nichts mehr zu tun hatte.

Erst in der Ruhe von Plovdiv verstand ich: Während mein Verstand Lösungen suchte, kämpfte mein Unterbewusstsein bereits mit dem Gespenst des Scheiterns. Der drohende Reiseabbruch schwang wie ein dumpfer Unterton bei jedem Kilometer mit. Es war die Angst vor dem Ende eines Traums, bevor er richtig begonnen hatte, die mir unbemerkt die Energie aus Geist und Fleisch blies.

Das Unterbewusstsein ist ein stiller Begleiter, der keine Logik kennt. Es reagiert nicht auf „Projektpläne“, sondern auf existenzielle Bedrohungen. Erst als die Anspannung wich, forderte meine Seele ihren Tribut. Diese Erkenntnis lehrt mich: Pausen sind keine verlorene Zeit, sondern notwendige Heilung für die unsichtbaren Kämpfe, die wir in uns ausfechten. Nur wer stehen bleibt, kann hören, was das Innere zu sagen hat.


(31.03.26) Projekt „Mongolei“: Eine ungeplante Dekonstruktion und das Festhalten am Kurs

Ein Projekt ist eine Abfolge von Variablen. In meiner Welt als Asperger-Autist sind Variablen dazu da, analysiert und bei Bedarf neu geordnet zu werden. Wenn eine Komponente ausfällt, berechnet das System den Kurs neu. Das ist sachlich, das ist logisch. Doch wenn diese „Komponente“ der Mensch ist, den man liebt, bekommt die Logik eine Färbung, die man wohl Melancholie nennt.

Die neue Faktenlage

Seit wenigen Tagen ist das Projekt „Eurasien-Tour“ dekonstruiert worden. Die Diagnose von Marias Spinalkanalstenose und die korrigierte Prognose der Ärzte sind harte Datenpunkte:

  1. OP-Verschiebung: Zeitverlust.
  2. Rehabilitationsdauer: Drei Monate.
  3. Risikoanalyse: Ein medizinischer Notfall in der Steppe ohne Versicherungsschutz ist ein unkalkulierbares Szenario (Kostenpunkt bis zu 100.000 €).

Mein Verstand akzeptiert diese Parameter sofort. Es gibt kein „Vielleicht“, kein Hadern mit dem Schicksal. Es ist eine geänderte Aufgabenstellung. Die Reise wird nun ohne Maria stattfinden.

Die Logik der Entscheidung

Warum nicht warten? Mit 60 plus ist Zeit keine unendliche Ressource. Ein Jahr Verschiebung erhöht das Risiko, dass die eigene biologische Hardware nicht mehr mitspielt. Den Starttermin jetzt zu schieben, würde uns in die klimatisch ungünstigste Hitzeperiode führen. Die Entscheidung zur Abfahrt am 06. April ist somit die einzig rationale Konsequenz, um das Ziel Mongolei zu erreichen.

Zwischen Sachlichkeit und Verbundenheit

Manche mögen meine prompte Umplanung als unterkühlt interpretieren. Doch für mich schliessen sich tiefe Gefühle für Maria und das sachliche Akzeptieren der Situation nicht aus. Dass ich die Restnutzlast berechne und den sinkenden Wasserverbrauch einplane, ist meine Art, Ordnung in das entstandene Chaos zu bringen. Es ist die Analyse der neuen Effizienz und natürlich Ironie.

Dennoch: Mein Herz ist kein Algorithmus. Maria ist eine Frau von beeindruckender Offenheit – eine Qualität, die ich bewundere und die auf unseren „Menschenwegen“ viele Türen geöffnet hätte. Dass sie nun in Vorarlberg bleibt, um das nächste Enkelkind zu begrüssen, ist ein schöner, logischer Trostpunkt in dieser Neuplanung.

Der Weg als Duo

Tequila und ich treten die Reise nun als reduzierte Einheit an. Ich empfinde eine stille Traurigkeit über den Verlust der gemeinsamen Erlebnisse, gepaart mit einer unerschütterlichen Zuversicht für das Projekt an sich. Die Mongolei bleibt das Ziel. Die Begegnungen werden anders sein – vielleicht rauer, vielleicht einsamer, aber sie werden stattfinden.

Ein Projekt ändert seine Form, aber nicht seinen Wert. Maria bleibt Teil meiner Welt, auch wenn sie nicht auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Wir sehen uns am Horizont.

Die Konstante auf vier Pfoten: Tequila als Co-Pilotin

In der Neuordnung dieses Projekts gibt es eine Konstante, die keinerlei Umplanung bedarf: Tequila. Als Cane-Corso-Hündin ist sie mehr als nur ein Haustier; sie ist die biologische Schnittstelle zwischen mir und der Aussenwelt. In meiner Wahrnehmung als Autist sind Hunde oft die logischeren Kommunikationspartner – ihre Signale sind direkt, ehrlich und frei von Subtext.

Dass wir beide nun allein im Cockpit sitzen, verändert die Dynamik der Reise grundlegend. Tequila übernimmt jetzt unfreiwillig die Rolle der alleinigen „Türöffnerin“. Ein Mann mit einem grossen Hund löst bei Menschen andere Reaktionen aus als ein Paar. Es wird eine Herausforderung an meine soziale Kapazität, die fehlende „Pufferfunktion“, die Maria so wunderbar erfüllt hätte, nun selbst aufzufangen oder durch Tequilas loyale Präsenz zu ersetzen.

Tequila stellt keine Fragen zur Routenänderung. Sie hinterfragt nicht die medizinischen Notwendigkeiten von Marias Absage. Sie ist einfach da. Ihre Bedürfnisse nach Auslauf, Wasser und Ruhe sind klare Taktgeber, die meinem Tag Struktur verleihen, wenn die emotionale Komponente der Reise durch Marias Fehlen dünner wird.

Wir sind jetzt eine verschworene Einheit auf Zeit. Wo Maria die Brücke zur Herzlichkeit der Menschen geschlagen hätte, wird Tequila nun der Anker für meine tägliche Routine sein. Wir teilen uns den Raum, die Stille und den Staub der Strasse. Es ist ein reduziertes Team, aber ein hochfunktionales.