(30.04.26) Bloggen, das Reisetagebuch schreiben – das gehört für mich fest zur Reise dazu, genau wie das Tanken, Einkaufen oder die technische Wartung des Gespanns. Es ist ein Prozess der Verarbeitung. Am 30. April war es jedoch viel zu spät dafür. Nach einem intensiven Tag, an dem ich über 400 Kilometer auf der M-36 zurückgelegt hatte, kam ich erst gegen 20 Uhr in Shiderty an. Die Strecke war gut, aber die Konzentration auf Schlaglöcher und den Mazda mit dem 1,6t Bürstner fordert ihren Tribut.
In Shiderty suchte ich eigentlich nur einen Stellplatz und einen Laden für das Abendessen. Als ich aus dem Markt kam, traf ich auf ein junges Ehepaar: Karina und Alexey. Wie immer war eine Scheibe der Hecktüren am Mazda offen, damit Tequila die Umgebung beobachten kann – ein Cane Corso ist die beste Diebstahlsicherung. Die beiden waren fasziniert von ihr. Mit Gesten fragten sie, ob sie gefährlich sei. Ich beteuerte, dass sie in meinem Beisein friedlich ist, und lud sie ein, sie zu streicheln. Der Bann war gebrochen.
Was dann folgte, war eine Gastfreundschaft, die man kaum in Worte fassen kann. Per Smartphone-Übersetzer luden sie mich zu sich nach Hause ein. „Duschen und Abendessen“, sagten sie. Ich nahm die Einladung gerne an.
Bei ihnen zu Hause angekommen, zeigte sich die tiefe Rücksichtnahme: Ihr eigener Hund wurde in einen Zwinger gebracht, um Stress zwischen den Hundedamen zu vermeiden, denn Tequila durfte dieselbe Gastfreiheit geniessen wie ich. Das ganze Haus und der Hof standen ihr offen. Dort traf ich Svetlana, die Mutter von Alexey. Sie empfing mich mit einer Herzlichkeit, die mich sofort willkommen hiess.
Das Kennenlernen startete technologisch beeindruckend: Svetlana schaltete per Videotelefonie einen alten Freund aus der Region Wuppertal zu. Er war früher ihr Nachbar in Kasachstan und fungierte nun als Dolmetscher. Über ihn wollte Svetlana alles wissen. Ich erzählte von der Tour, von Maria, die leider wegen ihrer Wirbelsäulen-Operation zu Hause bleiben musste und zeigte die Pfefferminz-Boxen, auf denen Maria abgebildet ist. Die ganze Familie – Svetlana, Alexey und Karina – hörte gespannt zu. Tequila genoss derweil die ungeteilte Aufmerksamkeit und wurde von allen drei Gastgeberinnen ausgiebig beschmusst.


Dann baten sie mich in die Küche. Svetlana entschuldigte sich fast dafür, dass sie „nur“ diese Speisen anbieten könne – dabei war es ein absolutes Festmahl:
- Kräftiger Borschtsch mit Pferdefleisch
- Frisches Brot und selbst gesalzener Fisch
- Eingelegte Pilze und Gurken
- Honig und
- Manti (mit Kartoffelwürfeln und Hackfleisch gefüllte Teigtaschen)
Ich versicherte ihr mehrfach, wie sehr ich dieses Essen schätze. Doch damit nicht genug: Während wir assen, hatte Alexey im Hintergrund die russische Sauna im Garten angeheizt – nur für mich alleine! Ich war sprachlos. Er gab mir eine ausführliche Einweisung und ich genoss drei Saunagänge inklusive Aufgüssen. Nach der langen Fahrt über die staubigen Strassen war das die ultimative Regeneration.


Während ich in der Sauna war, nutzten Karina und Alexey die Zeit, um auf www.Menschenwege.de zu lesen. Alexey entdeckte den ironischen Artikel über die Müllverbrennung an einer Raststätte. Wir sprachen darüber. Er erzählte traurig, dass viele Menschen hier ihren Müll einfach aus dem Auto werfen. Er war überrascht, als ich ihm sagte, dass Kasachstan für mich bisher das sauberste Land auf der gesamten Route über den Balkan, die Türkei und Georgien war. Alexey und Karina engagieren sich selbst: Einmal im Jahr säubern sie ihren Lieblingsstausee in der Region komplett von Müll. Ein Engagement, das höchsten Respekt verdient.
Zum Abschied kam die nächste Überraschung: Svetlana überreichte mir ein originalverpacktes Teeschalen-Set als Geschenk für Maria, die sie ja nur von den Fotos der Minz-Dosen kannte. Diese Geste hat mich – und später auch Maria am Telefon – vollkommen geflasht.
Karina und Alexey begleiteten mich schliesslich noch zu einem sicheren Stellplatz für die Nacht und verabschiedeten mich mit den besten Wünschen. Diese Begegnung in Shiderty wird als einer der hellsten Punkte in der Geschichte von Menschenwege bleiben.
Hallo Dieter,
Was für eine schöne Geschichte der selbstlosen Gastfreundschaft.
Mir kommen beim lesen die Tränen, wie wunderbar
Das sind Momente, die unvergesslich bleiben. Wie kann man sich da erkenntlich zeigen? Wahrscheinlich nur, indem man die Freude ungefiltert zeigt. Und wieder einmal war es Tequila, die für den Kontakt sorgte. Grosser Hund – nicht nur in Zentimetern!
Wow, was für eine tolle Begegnung du hattest. Solche Menschen bereichern das Leben😊.
Wir wünschen dir noch viele schöne Momente auf der Reise, bleibt gesund und gute Fahrt🚎.
Liebe Grüße von Connie und Dieter