Jurten, Hammelstemmen und eine Mutprobe für den Autisten

(02.05.26) Der 1. Mai stand ganz im Zeichen von Tequilas 3. Geburtstag. Doch die Feierlichkeit wurde von den Strassenverhältnissen gedämpft: Schlaglöcher und Pisten liessen nur 245 Kilometer zu – 150 weniger als am Vortag. Nach einer ruhigen Nacht in der Natur brachte der 2. Mai nach nur 45 Kilometern eine jener Begegnungen, die man nicht planen kann.

Bei dem Dorf Bulak sah ich von der Strasse aus das Szenario: Drei Jurten, Reiter, eine bunt geschmückte Tribüne und eine grosse Menschenmenge. Mein Entschluss stand fest: Wenden, das Gespann über einen holperigen Feldweg manövrieren und den Kontakt suchen.

Tequila als Magnet und Mutprobe

Kaum war der Mazda zum Stehen gekommen, wurde ich von Männern und Kindern umringt. „Germania“ war das Codewort. Als Tequila aus dem Auto stieg, änderte sich die Dynamik: Eine Mischung aus tiefem Respekt und Bewunderung schlug ihr entgegen. Viele hatten wohl noch nie einen Hund dieser Statur gesehen.

Die erste Barriere wurde durch Streicheleinheiten gebrochen, während die Neugier auf das Innenleben des Bürstner so gross war, dass ich die Tür einfach offen stehen liess. Noch am Fahrzeug bekam ich den ersten Grillspiess gereicht – ein direkter Empfang ohne Umschweife.

Die kulinarische Herausforderung

Man führte mich auf das Gelände. Es war ein Fest zum Ferienbeginn, inklusive Pferdewettbewerben, die leider gerade endeten. Zur Begrüssung erhielt ich einen Becher mit einem salzigen, milchigen Getränk und Fleischstücken.
(Anmerkung: @Saya Zhumanova, falls du das hier liest: War es Schubat, Kumys oder Kozhe? Schreib es bitte in die Kommentare!)

Dann folgte die Einladung in die Fest-Jurten. Für mich als Asperger-Autist war dies eine doppelte Herausforderung:

  1. Soziale Interaktion: Tequila war von Menschen umringt, die sie als Selfie-Motiv und Mutprobe nutzten.
  2. Hygiene & Nähe: Gegessen wurde gemeinsam mit Gabel, Löffel oder der Hand direkt von grossen Platten und Tellern.

In meiner Welt sind Berührungen und unklare Hygienestandards (man kennt meinen Klobeutel-Fokus) eigentlich rote Linien. Doch Gastfreundschaft ist keine Einbahnstrasse. Ich aktivierte meine „Funktions-Schublade“: Ich probierte mich mutig durch alle Platten. Das Fleisch war köstlich. Nur eine Entdeckung – vermutlich weisser Kurt (Kurut) – erforderte ein schnelles Nachspülen mit Tee, um den Magen zu beruhigen. Mein Körper hat diesen kulturellen „Schock“ übrigens hervorragend weggesteckt.

Santa Claus und Hammel-Kniebeugen

Während des Festes wurde ich von zwei englischsprachigen Studentinnen und einer Lehrerin begleitet. Wegen meines Bartes tauften sie mich „Santa Claus“. Ich konterte ironisch, dass der Weihnachtsmann heute zwar da sei, die Geschenke aber erst im Dezember geliefert würden. Dass sie Muslima waren, war äusserlich nicht zu erkennen – ein Zeichen für die liberale Vielfalt dieser Region.

Ein weiteres Highlight war das „Hammelstemmen“: Männer massen sich darin, wer mit einem lebenden Hammel auf den Schultern die meisten Kniebeugen schaffte. Kraft und Tradition in ihrer reinsten Form.

Nach diesem Tsunami der Gastfreundschaft und hunderten Fotos erreichten wir schliesslich Schemonaicha am Ufer der Uba. Hier wurden die Reisehausaufgaben erledigt: Die Erkenntnis, dass der Grenzübergang Ridder für mich gesperrt ist, rettete mir einen ganzen Fahrtag.

Fazit: Die Mongolei rückt näher, aber Kasachstan hat mit seiner unbeschreiblichen Herzlichkeit die Messlatte für die kommenden Kilometer sehr hoch gelegt.

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