(04.05.26) Dieser Tag markiert einen Wendepunkt in der Dokumentation von „Menschenwege“. Der Übergang von Kasachstan nach Russland war kein einfacher Grenzübertritt, sondern ein stundenlanger Prozess, der alles forderte: Geduld, technische Nervenstärke und die Bereitschaft, die eigene Privatsphäre komplett offenzulegen.
Die kasachische Routine und das Niemandsland
Der Ausstieg aus Kasachstan verlief noch nach dem Prinzip der „strengen Routine“. Sporttaschen und der grosse Hartschalenkoffer im Mazda mussten geöffnet werden, doch der Blick des Beamten blieb oberflächlich. Im Bürstner wurden Bad, Kühlschrank und drei Schränke kontrolliert. Das Gespann selbst – Mazda CX-5 und Wohnwagen – sorgte für Rätselraten. „Was ist das für ein Lkw?“, wurde ich gefragt, da man das Gespann vom Schalter aus nicht sah. Ein Foto auf dem Smartphone klärte die Situation. Stempel, Laufzettel, Schranke auf. Im Niemandsland, dem Korridor zwischen den Mächten, legte ich eine bewusste Pause ein. Tequila bekam Auslauf, Futter und Wasser. Ich stärkte mich für das, was kommen sollte.
Die russische Zoll-Revision: Nichts bleibt verborgen
Am russischen Zoll war es gespenstisch leer, doch die Intensität der Kontrolle war beispiellos. Zum ersten Mal auf dieser Reise musste Tequila das Fahrzeug verlassen und an einem Zaun angebunden werden. Was nun folgte, war eine Total-Revision. Mit Spiegeln und Hochleistungstaschenlampen wurde jeder Winkel des Mazda durchleuchtet: Motorhaube, Handschuhfach, Mittelkonsole, sogar die Brillenetuis und die Sonnenblenden wurden aufgeklappt. Kofferraummatte raus, Taschen entleert.
Im Wohnwagen ging es genauso akribisch weiter. Der Zöllner fand Dinge, die ich beim Packen längst vergessen hatte. Sogar die Kokosfasern, die ich für meine Trockentoilette als Einstreu mitführe, mussten erklärt werden. Ein kräftiger Zug des Beamten am Kleiderschrank zerstörte dabei meine zusätzliche Babysicherung – die mechanische Verriegelung war für Schlaglöcher gedacht, nicht für die Kraft eines Zöllners (der ganz Inhalt lang bei der nächsten Pause auf dem Boden – der normale Verschluss hielt nicht). Schliesslich wurde meine gesamte Reiseapotheke konfisziert und zur Drogen- und Opioidkontrolle in das Abfertigungsgebäude gebracht. Nach einer gefühlten Ewigkeit bekam ich das Chaos in den Medikamentenschachteln zurück – ohne Beanstandung.
Das erste Verhör: Smartphone-Scan und das Rottweiler Nippelverbot
Dann wurde es persönlich. Ich musste mein Smartphone entsperren. Ein Beamter löschte sofort die Fotos, die ich kurz zuvor aus Langeweile im Zollhof gemacht hatte. Er durchsuchte professionell die Galerie, den Papierkorb, die Cloud und Polarsteps. Doch dann blieb sein Blick ungläubig an Bildern hängen, die mich nackt zeigten – in Kasachstan, in Deutschland. Und dann der Schock für ihn: Die Bilder der Naturisten-Demonstration am Weltnaturistentag 2025 in Rottweil.
Ich erklärte den Beamten, was Naturismus bedeutet: Ein Leben in Harmonie mit der Natur, charakterisiert durch die Praxis der Gemeinschaftsnacktheit, um Selbstachtung und Toleranz zu fördern. Ich erzählte von der Demonstration. Die Ortspolizeibehörde hatte uns damals die Auflage erteilt, dass Venushügel, Vulvas und Penise verdeckt sein müssen. Besonders lächerlich: Die Brustwarzen der Frauen mussten abgeklebt sein – das „Rottweiler Nippelverbot“ war geboren.




Um nicht wie eine Lachnummer in Lendenschurzen dazustehen, demonstrierten wir in schwarzer Hose und weissem Hemd, trugen aber Schilder mit unseren nackten Körpern vor uns her. Ich beschrieb die Galionsfiguren: Das attraktive Ehepaar Angela und Jochen aus Köln liefen mit Lendenschurz voraus. Angela hatte ihre Nippel mit hautfarbenen Pflastern abgeklebt und diese mit roter Farbe täuschend echt wieder aufgemalt. Begleitet wurden sie von der sexy Tina aus Villingen-Schwenningen, deren Minibikini und String an die äussersten Grenzen der behördlichen Auflagen gingen.

Der Höhepunkt für die Zöllner war das Bild von Peter Proppe aus Zwingenberg. Er hatte seine Brustwarzen-Piercings entfernt, eine Schnur durch die Löcher gezogen und ein Schild mit der Aufschrift „Rottweiler Nippelverbot? Nein danke!“ daran aufgehängt. Die Beamten waren völlig irritiert, fragten nach meiner Zugehörigkeit zur LGBTQ-Szene und ob ich Sex mit Männern hätte. Ich klärte sie in einem halbstündigen Referat über die FKK-Kultur in Deutschland und Europa auf, nannte das liberale Dänemark als Beispiel und betonte, dass Naturismus nichts mit Sexualität zu tun hat. Am Ende wurde geschmunzelt und gelacht. Meine Botschaft: Verschiedene Weltanschauungen sind gut, solange man sich gegenseitig toleriert.
Das zweite Verhör: Der schwarze Mann und der Merz-Witz
Doch es war noch nicht vorbei. Ein zweites Verhör folgte in einem winzigen Raum (1,5 x 3 m) – ein Albtraum für jeden mit Klaustrophobie. Ein Mann in Zivil, ganz in Schwarz, befragte mich zur politischen Lage. Er erklärte, Deutschland gelte als „unfreundlich“, und wollte meine Meinung zur Ukraine-Hilfe und zu Hitler wissen.
Ich antwortete diplomatisch: „Ich bin kein Politiker.“ Zum Thema Hitler erklärte ich, dass wir in Deutschland die Geschichte und die Verbrechen des Nationalsozialismus sehr genau lehren. Dann setzte ich einen ironischen Schlusspunkt, der das Eis endgültig brach: „Hitler hat Russland nicht erobert. Aber wenn Friedrich Merz kommt, schafft er das an einem Tag.“ Die Beamten, inklusive des uniformierten Übersetzers in der Tür, lachten schallend. Das Verhör war beendet.
Ein Lob auf die Professionalität
Trotz der Härte des Verfahrens muss ich eines festhalten: Die Beamten am Zoll waren junge, hervorragend ausgebildete und absolut korrekte Menschen. Sie haben einfach ihren Job gemacht. Es gab keine Schikane, nur strikte Regeln. Selbst auf meine Nachfrage wollte am Ende niemand eine Zolldeklaration sehen. Wir verabschiedeten uns mit gegenseitigem Respekt. Russland hat mich mit einer Mischung aus Misstrauen und überraschender Herzlichkeit empfangen.
Ein tolles Erlebnis, Danke
Nippelgate in Rottweil.
Achtung jetzt vielleicht auf der neuen Hängebrücke.
Eins mit dem Wind und der Natur
Absolut wertvoll, dieser Mut!
Danke Dieter, das ist sehr, sehr wichtig, was du in der Ferne tust.
Nach Russland einzureisen, hätte ich nicht gewagt.
Bei den Spannungen mit Moskau und der EU würde mir der Mut fehlen.
RESPEKT!
Hattest du das Gefühl, du wirst in Russland beobachtet?
Wenn man es überhaupt bemerkt.
Schöner Bericht Dieter.
Gruß
Michael
Nein, ich werde hier sicher nicht mehr oder weniger beobachtet, als in Europa bzw. Deutschland. In Russland fühle ich mich sehr sicher. Allerdings sind die Menschen nicht ganz so aufgeschlossen wie in Kasachstan. Deshalb freue ich mich morgen wieder bei den Kasachen auf dem Weg nach Alma Ata bzw. Almaty zu sein.
Hauptsache die Sache ist gegessen. Komm gut voran und irgendwann auch gut heim.
Hallo Freund,
alles klar mit Dir und Tequila?
Hoffe Du bist gesund und alles läuft