Motivation am Ende? Wenn die Strasse zum psychologischen Gegner wird!

(11.05.26 ff.) Drei Nächte und zwei volle Tage musste ich in Ak-Boom stehen bleiben, bis ich wieder halbwegs fahrtauglich war. Die gute Nachricht zuerst: Ich habe den Männerschnupfen überlebt. Weiter ging es trotzdem erst mal nur mit der chemischen Keule aus Paracetamol, Silomat und Dolo-Dobendan. Noch eine Woche später kämpfe ich mit den Nachwehen in den Bronchien, welche es hin und wieder freizuhusten gilt. Ihr kennt ja die eiserne Regel des biologischen Systems: Mit Medikamenten dauert eine Erkältung 14 Tage, ohne genau zwei Wochen. Ich werde hier wohl sieben Tage und eine Woche durchhalten müssen. Doch diese körperliche Havarie ist gar nicht der eigentliche Grund für die düstere Überschrift.

Der wahre Endgegner auf dieser Etappe ist die Infrastruktur. Genauer gesagt: die kaputten Strassen in Eurasien und Zentralasien. Am unbarmherzigsten schlägt Sibirien zu. Seit Georgien bis in die Mongolei hätte ich ganz ohne Übertreibung tausende Male den Querlenker meines Mazda CX-5 in den Radlauf stauchen, die Wohnwagenachse des Bürstner komplett zerstören und den gesamten Aufbau des Caravans zum wirtschaftlichen Totalschaden zusammenrütteln können. Als Caravaner tut dir da jeder Kilometer in der Seele weh.

Dieses Terrain verzeiht keinen einzigen Fehler. Keine Sekunde kann die Strasse aus den Augen gelassen werden. Wenn nach stundenlangem Dauerfeuer endlich mal einige Kilometer scheinbar gute Strasse kommen und man mental kurz durchatmen will, klafft ganz sicher im nächsten Moment unerwartet ein brutales Schlagloch auf. Und, wir reden hier nicht von den kleinen Asphaltkosmetika, die wir auf europäischen Strassen gewöhnt sind. Nein, in Deutschland würden die Behörden für solche Krater sofort eine Vollsperrung einrichten.

Natürlich existiert auch das krasse Gegenteil: Schnurgerade Asphaltbänder, die ewig weit bis an den Horizont reichen, soweit das Auge blickt. Der Verkehr tendiert dort gegen null. Es handelt sich um internationale Hauptverbindungsstrecken, auf welchen einem eine Stunde und länger kein einziges Fahrzeug entgegenkommt. Die Monotonie ist absolut. Doch die vermeintliche Entspannung ist eine Falle: Statt Gegenverkehr queren plötzlich Kühe, Pferde und Schafe völlig unvorhersehbar die Fahrbahn. Das permanente Scannen der Umgebung kostet enorm viel Energie. Hier stundenlang die Konzentration auf Anschlag zu bewahren, zieht die mentalen Akkus komplett leer.

Irgendwie ging es am Ende immer weiter. Aber Sibirien hat mich an die absoluten Grenzen meiner Leistungsfähigkeit gebracht – insbesondere dann, wenn man im Kopf ein gewisses Streckenpensum erreichen will. Es gab Phasen auf dieser Etappe, da hatte ich schlichtweg keine Lust mehr überhaupt noch in das Auto zu steigen und den Motor zu starten. So massiv haben mir die Fahrbahnzustände zugesetzt. Meine Motivation war an ihre absoluten Grenzen gelangt. Wenn es die technische Möglichkeit gegeben hätte, mich samt Gespann augenblicklich nach Rottweil heimzubeamen – ich wäre viele Male keinen einzigen Meter mehr weitergefahren.

Um euch einen ungeschönten Eindruck davon zu verschaffen, wie katastrophal diese Pisten wirklich sind, habe ich zwei öffentliche Sequenzen vorbereitet. Da ich in diesem Blog keine Videos direkt einbinden kann, müsst ihr den Klick rüber auf mein Polarsteps-Profil machen. Schaut euch das Elend selbst an:

Und, lasst euch nicht täuschen: Das sind keine extremen Offroad-Abenteuer abseits der Zivilisation, die ich mir freiwillig gesucht habe. Nein, das ist der offizielle Zustand klassifizierter Hauptverbindungsstrassen.

Abschliessend noch ein Wort zu den Menschenwege-Begegnungen, um welche es auf diesem Blog im Kern immer gehen soll – getreu dem Motto „Menschen vor Monumenten“. In Sibirien habe ich bei einigen Gelegenheiten aktiv versucht, Kontakt zu den Einheimischen aufzunehmen. Mir schlug dabei keineswegs offene Ablehnung oder Feindseligkeit entgegen. Es war vielmehr eine tief sitzende Gleichgültigkeit. Es wirkte, als wären Fremde den Menschen hier schlichtweg völlig egal. Man lebt in seiner eigenen Lebensrealität, zieht sein Ding durch, und der Rest der Welt existiert einfach nicht im eigenen Wahrnehmungsradius.

Diese Beobachtung ist sicher zu pauschal und wird nicht jedem Einzelnen gerecht. Aber sie entspricht exakt meinem persönlichen Empfinden aus zwölf Tagen Südsibirien. Am Ende kam alles zusammen: Der lähmende Männerschnupfen, der tiefe Frust über die zerstörten Strassen und die ausbleibenden, nährenden Begegnungen mit der Bevölkerung. Das ist auch der Grund, warum es hier einige Tage komplett still war und keine Reiseberichte online gingen. Manchmal braucht das System einfach alle Ressourcen für den reinen Vortrieb.

PS: Hinweis zur Länge des Beitrages und Gruss an meine geliebte Maria: Sie meinte, meine Beiträge würden nun sehr kurz werden. Reicht dieser Umfang oder werde ich nun zu ausschweifend?

2 Kommentare zu „Motivation am Ende? Wenn die Strasse zum psychologischen Gegner wird!“

  1. Um Himmels Willen Dieter,
    Das da ist ja eine Bankrotterklärung, jeglicher Infrastruktur.
    Was Du da bewältigen musstest, verlangt mir meinen tiefsten Respekt ab.
    Vor allem, solltest Du zu Hause unbedingt einen Checkup vor allem Dein Herz kontrollieren lassen. Das war doch fast übermenschlich

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