Erst das Beweisvideo, dann Blätterteig: Der Tag, an dem mich Kasachstans Polizei beschenkte

(14./15.05.26) Willkommen Kasachstan. Willkommen gute Strassen. Nach dem wochenlangen, materialschreddernden Dauerrütteln in Sibirien fühlten sich die nächsten 730 Kilometer auf kasachischem Asphalt wie eine reine Wonne an. Ein völlig neues Fahrgefühl: Geschwindigkeitsregelassistent an, Lenkassistent aktiv, und das Caravan-Gespann glitt einfach dahin. Mein System konnte seit langer Zeit mal wieder in den Entspannungsmodus schalten. Doch die Idylle erlebte eine harte, völlig unerwartete Unterbrechung.

Im Ulan District, nicht weit hinter einer Ortschaft, winkte mich die Polizei raus. Das Prozedere an sich überraschte mich nicht. Mein Bürstner-Gespann scheint fast alle Checkpoints und Polizeikontrollen auf diesem Planeten magisch anzuziehen. Normalerweise läuft das wie ein standardisiertes Programm ab: Reisepass, Fahrzeugpapiere, Woher“ und „Wohin“, gute Reise. Dieses Mal war es anders. Der Beamte bat mich unmissverständlich, auszusteigen, die Fahrbahn zu wechseln und auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens Platz zu nehmen.

Kasachstan ist im Bereich der Verkehrsüberwachung extrem hochgerüstet. Die Strassen werden durch hochintelligente Kamerasysteme lückenlos überwacht. Die Bildschirme in den Streifenwagen sind direkt damit vernetzt. Geschwindigkeitsübertretungen oder sonstige Experimente sollte man hier definitiv nicht wagen. Der Beamte spulte auf seinem gestochen scharfen Monitor ein Video vor und zurück. Die Aufzeichnung liess keine Zweifel offen: Ich war über eine durchgezogene Linie gefahren. Ein klarer Verstoss, der ein saftiges Bussgeld nach sich ziehen sollte.

Ich konnte mich an die Situation, die erst wenige Minuten zurücklag, noch ganz präzise erinnern. Die Strasse war zweispurig in einer Richtung freigegeben. Plötzlich signalisierten ein Schild und Bodenmarkierungen, dass man von der rechten Spur – auf der ich mich mit dem Gespann befand – auf die linke wechseln musste. Die rechte Spur endete an einer Kreuzung als reine Rechtsabbiegerspur, bevor es danach wieder normal zweispurig weiterging. Ich hatte den Blinker vorschriftsmässig gesetzt, wurde aber genau in diesem Bruchteil einer Sekunde von einem Pkw rücksichtslos überholt. Um nicht zu verunglücken, konnte ich den Spurwechsel logischerweise erst ein kurzes Stück später über der durchgezogenen Linie vollziehen.

Ich erklärte dem Polizisten diesen Sachverhalt logisch und sachlich. Er prüfte die Sequenz auf dem Bildschirm nochmals, blieb aber bei der harten rechtlichen Bewertung: Es war und bleibt ein Verstoss. Es lief auf eine mündliche Verwarnung hinaus, verpackt in die pädagogische Frage, was ich denn beim nächsten Mal in solch einer Situation tun würde. Meine Antwort war pragmatisch: Besser aufpassen und um Entschuldigung bitten. Nach einer kurzen Abfrage meiner Reiseroute war die Sache erledigt und ich durfte aussteigen.

Doch genau in dem Moment kam das grosse „STOPP!“ des Polizisten. Was jetzt geschah, verschlug selbst mir kurzzeitig die Sprache. Der Beamte erklärte mir, dass er mich als weit gereisten Gast gerne mit kasachischer Gastfreundschaft verwöhnen wolle. Mein System brauchte ein paar Sekunden, um diese Information zu verarbeiten. Ich sollte zu meinem Fahrzeug gehen und dort warten, bis er vom „Magazin“ – dem örtlichen Geschäft – zurückkäme. 15 Minuten später parkte der Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht hinter meinem Gespann. Der Polizist stieg aus und übergab mir eine schwere Tüte voller kasachischer Köstlichkeiten: Zwei typisch kasachische Süssgetränke und sechs verschiedene, frisch gefüllte Blätterteig-Gebäcke. Ich war absolut baff.

In meinem Kopf ging sofort die Schublade für soziale Etikette auf. Ich fragte ihn höflich, ob ich mich mit einem Gegengeschenk revanchieren dürfe und ob sie das im Dienst überhaupt annehmen dürften. Zwei Boxen meiner personalisierten Pfefferminzpastillen seien bei so einer Kleinigkeit kein Problem, meinte er lächelnd. Ich drückte den Beamten die Kärtchen mit den Pastillen in die Hand. Jetzt war das Eis komplett gebrochen: Der Polizist wollte unbedingt ein Erinnerungsfoto mit mir. Sein Kollege übernahm die Kamera. Im Gegenzug erklärte ich ihm, dass ich einen Reiseblog führe, zeigte auf die Internetadresse auf den kleinen Minzboxen und fragte, ob ich ebenfalls ein Foto von ihm und dem Streifenwagen veröffentlichen dürfe. Er stimmte aufgemuntert zu. Es wurden fleissig Bilder geschossen, und selbst bei der Abfahrt drückte der Beamte hinter der Windschutzscheibe noch unübersehbar beide Daumen nach oben – auch wenn man das auf dem Schnappschuss wegen der Spiegelung im Glas nur schwer erkennen kann. Eine echte, tiefe Menschenwege-Begegnung. Danke an die kasachische Polizei, die ohnehin immer sehr freundlich agiert, aber dieses Mal schlichtweg aussergewöhnlich war.

Kurz nach diesem denkwürdigen Kontrollpunkt schlug ich mein Nachtlager in der Nähe eines imposanten, islamischen Monumentalfriedhofs auf. Die Ruhe an diesem spirituellen Ort tat gut. Am nächsten Tag zog ich das Gespann weiter bis an den Alakölsee. Hier, am Ufer dieses riesigen Salzsees, bin ich über das Wochenende erst einmal angekommen, um mental und physisch zur Ruhe zu kommen. Die Zeit war bitter nötig, um mich intensiv um Tequila zu kümmern. Meine Cane Corso-Hündin kam auf den sibirischen Horrorstrecken der letzten Wochen logischerweise viel zu kurz und brauchte dringend wieder Konstanz und Zuwendung. Und, schliesslich hatte ich hier am Wasser endlich wieder die Muse und die nötige Konzentration, um die Erlebnisse für den Blog präzise aufzuarbeiten.

2 Kommentare zu „Erst das Beweisvideo, dann Blätterteig: Der Tag, an dem mich Kasachstans Polizei beschenkte“

  1. Hy Dieter,
    Wieder einmal, hast von einer zunächst dienstlich korrekten Vorgang berichtet.
    Nur um dann wieder teilzuhaben an einem überaus gastfreundlichen Vorgang.
    Wieder einmal eine Bereicherung auf Deinem langen Weg.
    Es menschelt

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  2. Hy Dieter, bin heute und Morgen außer Gefecht.Muss heute abführen und morgen Darmspiegelung. Ich melde mich wenn alles vorbei ist.
    Bis dahin nur das allerbeste für Dich und die liebe Tequila

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