08.06.26
Noch während des Abschlusses beziehungsweise Scheiterns der ersten Versöhnungsverhandlung kam der Bürgermeister der Stadt Algha mit einem Freund zu Besuch. Er begrüsste mich, fragte nach allen Unfallbeteiligten und wollte wissen, welche Hilfe ich brauche. Meine Antwort war nicht poetisch, sondern funktional: alle paar Tage Wasser für den Wassertank, damit ich mich waschen kann; alle sieben bis zehn Tage für einen halben Tag Strom, um die Bordbatterie zu laden; ausserdem alle zwei bis drei Tage eine Möglichkeit zum Duschen.
Meine Aussendusche war an diesem Standort nicht nutzbar. Der Untergrund vor dem Polizeirevier war matschig, und ich stand mitten in der Öffentlichkeit. Der Bürstner war zwar als Notunterkunft erstaunlich brauchbar geblieben, aber ohne verlässliche Versorgung mit Wasser, Strom und Waschmöglichkeit war das keine stabile Lösung für Wochen. Es war ein Provisorium, das nur deshalb funktionierte, weil noch niemand länger als einen Tag vorausdenken musste.
Der Freund des Bürgermeisters war Direktor der regionalen Gasversorgungsverwaltung von QazaqGaz. Die beiden berieten sich kurz. Dann kamen sie zurück, allerdings nicht mit einer langen Diskussion, sondern mit einer fertigen Entscheidung. Man habe gerade einen Traktor bestellt. Dieser werde meinen Wohnwagen an einen anderen Platz ziehen. Dort gebe es Dusche, Toilette, Wasser, Strom und festen Untergrund. Eine echte Möglichkeit zur Widerrede war in diesem Hilfsangebot nicht vorgesehen.
Der Traktor kam. Zunächst sollte Tequila im Wohnwagen bleiben. Das konnte ich nicht zulassen. Sie war zwar erstaunlich ruhig und gefasst, aber nach dem Unfall wollte ich ihr kein weiteres Gerüttel allein in einem ohnehin noch chaotischen Innenraum zumuten. Herabfallende Gegenstände, ruckartige Bewegungen, das unbekannte Geräusch des Schleppens – das wäre für den Hund unnötiger Stress gewesen. Also entschied ich, mich zu Tequila in den Wohnwagen zu setzen. Wo es genau hinging, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Lustig war die Fahrt für uns beide nicht, aber wir überstanden sie gut.
Am Ziel stellte sich heraus, dass der Bürstner nun auf dem Gelände der Verwaltung von QazaqGaz stand. Der Direktor stellte sich sofort nur mit seinem Vornamen vor: Askar, gesprochen ungefähr wie Oskar. Innerhalb kürzester Zeit standen Helfer bereit, um den Wohnwagen richtig zu positionieren, die Stützen herunterzukurbeln und ihn mit der Wasserwaage sauber auszurichten. Ebenso schnell wurde Strom gelegt. Der Kühlschrank konnte wieder vollständig arbeiten, was angesichts der inzwischen absurden Lebensmittelmengen ein sehr reales logistisches Problem löste.

Askar wies mich auf dem Gelände ein und zeigte mir einen top gepflegten Duschraum mit Waschbecken und Toilette. Die Qualität lag gefühlt eher bei einem sehr ordentlichen Campingplatz als bei einer improvisierten Notlösung. Sofort wurde ich zum Tee eingeladen. Die Überraschung war gross, als ich das zunächst verschob, weil ich zuerst Tequila mit Wasser und Futter versorgen wollte. Diese Reihenfolge war für mich selbstverständlich. Für meine neuen Gastgeber war sie offenbar ein Zeichen, dass ich meinen Hund nicht als Anhängsel, sondern als vollwertigen Reisegefährten behandle. Das brachte sichtbaren Respekt.
Danach kam die erste richtige Dusche seit dem Unfall. Zwei Tage nach dem Aufprall, nach Krankenhaus, Polizei, Wohnwagenchaos, provisorischer Nacht, Verhören und gescheiterter Versöhnungsverhandlung, war warmes Wasser plötzlich kein Komfortdetail, sondern eine Systemwiederherstellung. Der Körper wird gewaschen, der Kopf sortiert sich, der Mensch kehrt für einige Minuten aus dem Ausnahmezustand in eine normale Betriebsart zurück.
Eine Mitarbeiterin der Verwaltung organisierte mir sofort Mittagessen und später auch Abendessen. Zu diesen Mitarbeiterinnen wird in den nächsten Artikeln noch mehr zu erzählen sein. Für diesen Tag reicht die Feststellung: Ich stand nicht mehr auf einer matschigen Wiese vor dem Polizeirevier, sondern auf festem Untergrund, mit Strom, Wasser, Dusche, Toilette, gefülltem Kühlschrank und Menschen um mich herum, die nicht fragten, ob Hilfe theoretisch sinnvoll wäre, sondern sie praktisch herstellten.
Frisch geduscht, versorgt und körperlich endlich wieder halbwegs heruntergefahren, legte ich mich schlafen. Danke an Algha. Danke an den Bürgermeister. Danke an Askar und QazaqGaz. Danke an Olga, Igor und all die Menschen, die in diesen ersten Tagen nicht aus Distanz auf einen Unfall schauten, sondern aus Nähe handelten. Damit steht die unmittelbare Chronologie nach „Totalschaden mit intakter Kabine“ an einem neuen Punkt: nicht mehr auf der Wiese vor dem Polizeirevier, sondern im provisorischen Zuhause auf dem Gelände von QazaqGaz.