(14./15.04.26) Eine Warnung vorab: Wer nur durch Instagram scrollt und nach 15 Sekunden das Interesse verliert, kann jetzt wegklicken. Dieser Beitrag ist ein Reisetagebuch im wahrsten Sinne. Er ist lang, er ist ehrlich und er ist für Menschen geschrieben, die noch lesen können und wollen. Willkommen in meiner Realität. 😉
Das Herz in Vorarlberg, der Körper am Friedhof von Kobuleti
Ich schreibe diese Zeilen jetzt, während ich noch immer am Friedhof von Kobuleti in Georgien stehe. Die letzte Nacht hier war hart. Es war spät, ich war körperlich und mental ausgelaugt, und die Kälte im Wohnwagen wurde zu einem lautlosen Gegner. Die Heizung – eigentlich das Herzstück meiner autarken Existenz – versagte den Dienst. Kein vertrautes Klacken, kein wohliger Luftstrom. Als Techniker schmerzt es doppelt, wenn die eigene Ausrüstung streikt, doch gestern fehlte mir schlicht die Muse zur Fehlersuche. Ich vermute, dass lediglich die Batterie des Automatikzünders meiner Truma leer ist, aber das muss heute im Laufe des Tages warten.
So kroch ich im 5°C kalten Caravan rasch unter die warme Decke, nachdem ich Tequila an ihrem Platz ebenfalls dick zugedeckt hatte. Sie schaute mich aus ihren grossen Augen an, als wollte sie fragen, ob das jetzt der Standard für die Mongolei sei.
Bevor das Licht ausging, gab es noch zwei wichtige Videocalls, die meine Welten verbanden: Zuerst mit meiner geliebten Maria, die heute an der LWS operiert wird, und danach mit Babs. Babs ist ebenfalls eine Mongoleireisende mit Hund, die in ihrem Ducato Camper Van derzeit auf ihre Magnethalterungen für die Sandbleche wartet. Ich habe sie im Gepäck – das Gespann fungiert hier als rollendes Ersatzteillager.
Marias letzte Worte heute Morgen unmittelbar vor der Narkose hingen wie ein Echo in meinem Kopf. Sie klangen so ganz anders als ihr entspannter Tonfall vom Vorabend: „Es geht jetzt alles recht schnell! Ich hoffe ihr seid nicht erfroren. Sollte ich nicht mehr aus der Narkose aufwachen, dieses letzte Hemd – OP-Hemd – hat wirklich keine Taschen … Es hat mich glücklich gemacht, dich zu lieben so gut ich es konnte … Augenhöhe hatte ich mir immer erhofft! Du hast sie mir gegeben! Dazu Vertrauen, Respekt und viel staubsaugen … Ich melde mich, wenn ich aufgewacht bin oder auferstanden! Dann aber unheimlich! Ich liebe dich!“
Ich musste weinen. Maria, du Profi-Kabarettistin, selbst am Rande der Bewusstlosigkeit scherzt du über meinen „Invictus One“-Fimmel. Ja, ich hasse Fusseln und Krümel, und vielleicht fühlst du dich manchmal vom Staubsauger gejagt, aber du bist diejenige, die meinem Weg den Sinn gibt. Du wirst wieder springen wie ein junges Reh, deine Enkel in die Luft werfen und im Herbst mit deinem Bruder Stefan die Bühne rocken. Ich warte hier auf dein Signal – egal ob aus dem Aufwachraum oder „unheimlich“.
Die Engel von Georgien: Mein Protokoll des Weges
Das heutige Titelbild ist kein Zufall. Zwei Engel am Friedhof von Kobuleti: Einer betet, einer hält sich entsetzt die Augen zu. Sie sind die perfekten Metaphern für diesen Wahnsinn zwischen Hoffnung und Realitätsschock.
1. Die betenden Engel: Sie stehen in diesem Moment stellvertretend für mich. Ihr Gebet ist meine Zuversicht für Maria. „Es wird schon schiefgehen“, sagen sie mit diesem typisch optimistischen Augenzwinkern.
2. Der Schutzengel auf der „Monte Carlo des Ostens“: Gestern, auf dem letzten Teilstück in der Türkei, fühlte sich die Fahrt entlang der Schwarzmeerküste an wie ein surrealer Mix aus Rallye Monte Carlo und einem AVUS-Rennen. Die Schnellstrasse ist die einzige Schlagader durch hunderte Kilometer lückenloser Bebauung. In der Mitte gibt es parkähnliche Grünanlagen, die jedoch niemand betreten kann, ohne sein Leben zu riskieren. Am ungesicherten Wegesrand picken Hühner, während eine Bäuerin ihre zwei Kühe seelenruhig im Strassengraben tränkt. Menschen hetzen über die mehrspurigen Fahrbahnen, während das Limit ständig zwischen 110 und 30 km/h schwankt – oft ohne ersichtlichen Grund, ausser einer Wendemöglichkeit und Übergängen für Schulkinder. Mittendrin die Giganten: 40-Tonner liefern sich auf allen Spuren ein gnadenloses Rennen. Mein Schutzengel musste verdammt schnell fliegen, um das Gespann sicher durch diesen Slalom zu bringen.
3. Der Hilfsengel im Restaurant: Nach 100 Kilometern dieser Anspannung brauchte ich gestern noch in der Türkei eine Zäsur. In der Görele Belediyesi Sosyal Tesisleri fand ich sie. Mein Mantra lautet immer: „Zuerst der Hund, dann ich.“. Da Tequila seit der traumatischen Attacke eines Alpha-Rüden an der türkischen Einreise gefühlt sensibler auf fremde Hunde reagiert, war ich dankbar für die Ruhe hier. Das Personal und die Gäste bestaunten die stattliche Erscheinung meines Cane Corso durch die Panoramafenster. Auf meine Einladung, näher zu kommen, reagierten sie jedoch mit respektvollem Kopfschütteln. Das üppige Frühstück dort gab mir die Kraft für den Grenz-Marathon.
4. Der Racheengel am Zoll: Wer meine Berichte liest, erinnert sich an das Spiel „Zurück zu Schalter 101“ bei der Einreise aus Bulgarien. Beim Verlassen der Türkei gestern hiess es nun wieder: „Zurück auf Los“. Man verweigerte mir die Ausreise, bis eine „Strafe“ gezahlt sei. Der Schalter war seltsamerweise mit „Bank“ beschriftet. Ich reichte wortlos einen 50-Euro-Schein durch das Fenster. Der Beamte tippte, ich nickte – ich wollte einfach nur weiter. Er gab mir einen Beleg und 110 Lari zurück. Erst die Google-Kamera klärte mich später auf: Es waren keine Sündenstrafen, sondern schlicht fällige Gebühren für Brücken, Tunnel und Strassen (398 und 134 Lira).
5. Der Engel Camael (Engel der Freude): Die georgischen Zöllner waren das absolute Kontrastprogramm. Schon auf türkischer Seite sah ich, wie Türen aufgerissen wurden. Ich öffnete also präventiv die hinteren Scheiben, damit man Tequila sieht – oder eher hört, denn sie kündigte sich lautstark an. Ein Zöllner hatte so viel Respekt vor ihrem Gebelle, dass er mich bat, die Scheibe sofort zu schliessen. Seine Kollegen versuchten auf der Beifahrerseite dennoch, durch die dunklen Scheiben einen Blick auf das „Monster“ zu erhaschen. Da tat der erste Zöllner etwas herrlich Menschliches: Er nutzte die elektrische Steuerung auf seiner Seite, um die Scheiben plötzlich wieder runterfahren zu lassen und seine Kollegen zu erschrecken. Wir haben alle Tränen gelacht. Das ist es, was „Menschenwege“ ausmacht.
6. Der Umweltengel (Die Mazda-Beichte): Mein Mazda CX-5 sorgt oft für Stirnrunzeln. Da steht „CX-E“ und daneben „Hybrid“. Ein Zöllner, offensichtlich ein Autokenner, verglich irritiert die Zulassungsbescheinigung mit den Emblemen. Die Geschichte dahinter ist sehr persönlich: 2019 war meine Tochter Anna Sophia lokale Sprecherin von Fridays for Future. Diesel-SUVs waren das Feindbild. Doch aufgrund meines Morbus Bechterew brauche ich ein Auto, das mir das Einsteigen in Stuhltechnik ermöglicht (Abstand Sitzfläche zu Dachkante). Ich brauche den Allrad für den Notdienst im Schwarzwald und die 1,6t Anhängelast für den Bürstner. Mein Euro 6d-TEMP ist technisch gesehen ein sauberer Motor, aber für Annas Ansehen als Aktivistin habe ich den Wagen optisch „geadelt“. Ein umgedrehter 3er von Mazda wurde zum „E“, ein Toyota-Emblem zum „Hybrid“. Es kam nie zum Gespräch darüber, aber es war mein stiller Beitrag für ihre Umweltseele. Die Zöllner waren von dieser Vater-Tochter-Geschichte so bespasst, dass sie mich durchwinkten. Anna, falls du das liest: Ich bin stolz auf dich und deinen Einsatz für das Gemeinwohl, egal auf welcher Seite wir stehen. Grüsse aus einem Georgien, das den schwarzen Qualm unzähliger alter Diesel von Bulgarien bis hierher konserviert hat.
7. Der Erzengel und die Müll-Realität: Kaum in Georgien, verflog die Euphorie. Müll in der Landschaft, so weit das Auge reicht. Mitten auf der Strasse klaffen Schlaglöcher, die ganze Achsen fressen könnten – markiert nur durch einen alten Reifen, der im Loch steckt. Georgien, dein Stolz in Ehren, aber hier wartet eine gewaltige „Landputzede“.
8. Die Friedhofsengel in der Nacht: Mein Stellplatz hier am Friedhof von Kobuleti war eine Fehlentscheidung von park4night. Die Navigation führte mich gestern Abend über Wege, die eher Bachbetten glichen. Zentimeterweise tastete ich mich im Dunkeln vor, die Taschenlampe immer griffbereit, um die nächste Kurve nach Risiken für Schrammen und Reifenschäden abzusuchen. Ich kam an, ohne den Bürstner zu zerlegen. Heute Morgen wurde ich nicht von Hahnenschreien, sondern von zwei brüllenden Kühen direkt vor meinem Fenster geweckt. Der Friedhof selbst ist ein Mahnmal der Kontraste: Vorne glänzender schwarzer Marmor, perfekt gepflegt – und direkt hinter der Mauer eine monströse, wilde Mülldeponie. Die Engel am Eingang schauen nicht umsonst weg oder beten.
9. Der Reiseengel Raphael (Engel der Begnungen): Hier am Friedhof traf ich vorhin George, einen Rumänen bei der Grabpflege. Ein Gespräch ohne Worte, nur mit Namen („George“, „Dieter“) und Gesten. Er wollte eine Zigarette, ich gab ihm Kaffee. 15 Minuten lang schrubbte er den schwarzen Granit, bis er spiegelte, als wollte er den Himmel darin einfangen. Ein stiller Moment der Würde inmitten des Mülls.
Wie geht es weiter?
Ich habe es nicht eilig, von diesem Friedhof loszukommen. Die Grenze nach Russland ist wegen Schnee und Starkregen ohnehin kaum passierbar. Ich werde durch Georgien bummeln, Babs ihre Magnete bringen und bei einem Viertele Wein auf das Leben anstossen. Und vor allem warte ich auf die Nachricht von Maria. Raphael ist schliesslich auch der Engel der Heilung. Maria, ich denke an dich.
Nachtrag: Das Signal der Heilung (17:15 Uhr Ortszeit)
Ich sitze jetzt hinter dem Steuer, der Motor läuft. Ein merkwürdiges Gefühl: Ich habe gerade realisiert, dass ich auf dem Landweg noch nie zwei Zeitzonen auf einmal übersprungen habe. Die Uhr tickt hier anders, aber mein innerer Rhythmus findet gerade wieder seinen Takt.
Ich konnte bis jetzt nicht losfahren. Die Sorge um Maria hing wie ein Nebel über dem Mazda – zu gefährlich, um sich in den georgischen Strassenwahnsinn zu stürzen. Doch dann kam der erlösende Videocall:
- Maria ist wach! Sie ist zwar noch müde und wackelig, aber sie steht bereits wieder auf ihren eigenen Beinen. Die Erleichterung ist unbeschreiblich.
- Die Technik läuft: Wie vermutet, war es nur die Batterie des Zünders. Ein kleiner Handgriff, ein Funke, und die Truma schnurrt wieder.
- Das Highlight für die Seele: Da ich die Heizungsabdeckung sowieso demontieren musste, ergab sich die einmalige Gelegenheit, mit meinem INVICTUS ONE endlich mal den Staub und die Fusseln unter der Heizung zu eliminieren. Jetzt ist es nicht nur warm, sondern auch klinisch rein. 🤪
Mit diesem reinen Gewissen und einer gesunden Maria im Rücken mache ich mich jetzt auf den Weg. Wenn die Strassenengel es gut meinen, schaffe ich es heute noch bis nach Mzcheta.
Georgien, jetzt bin ich wirklich bereit für dich.
Mensch“enwege“ können so einvernehmend sein. Spannung, GänsehautGefühl mit Herz und die Faszination des Erlebens beschreibst du hier mit diesem Bericht. Lass einfach die Engel weiter dich begleiten und nimm uns weiter mit auf dieser Reise.
Es bleibt spannend 🙂 – Gute Reise!
Ach du liebe Zeit Dieter du machst vielleicht was mit, aber du hast ja sicherlich gewußt was da auf dich zukommen wird. Mit dem Wissen, dass es bei der OP von Maria gut gegangen ist, (worüber auch ich mich freue) kannst du deine Reise sicherlich entspannter fortsetzen. Dazu wünsche ich dir weiterhin viel Mut, Energie, Organisationstalent, aber auch viel Spaß und Freude!
Liebe Grüße Hans