(21.04.26) Die Kalkulation in Lagan war präzise – dachte ich. Die letzten Rubel wurden in Diesel investiert, die Reichweitenreserve sollte bis zur ersten Tankstelle hinter der kasachischen Grenze reichen. 60 Kilometer Puffer. Eine solide Rechnung, wäre da nicht der Faktor Mensch vs. Technik.
Ohne GPS und mobiles Internet fuhr ich rund 40 Kilometer rein nach Sonnenstand und Himmelsrichtung. In der kalmückischen Steppe gibt es kaum Kreuzungen, die Richtung stimmte. Doch als das System plötzlich wieder „zack“ machte und die Verbindung stand, die Ernüchterung: Die Route war 120 Kilometer länger als berechnet. Ergebnis: Zu wenig Diesel, keine Rubel mehr, Kasachstan in weiter Ferne.
Die Fahrt dorthin war visuell beeindruckend. Wo im Sommer alles beige und verbrannt ist, blüht die Steppe jetzt im Frühjahr in Grün, Gelb, Orange und Rot. Doch der Sand holt sich unerbittlich das Land.
🧬 Hintergrund-Info: Die Ryn-Wüste
Man durchquerst hier Ausläufer der kaspischen Senke. Es ist tatsächlich das einzige Gebiet auf dem geografisch europäischen Kontinent, das echte Wüsten- und Halbwüsteneigenschaften aufweist. Die Sanddünen wandern durch den Wind und machen die Strassenreinigung zu einer Sisyphusarbeit. Europa hat hier seine eigene kleine Sahara.
In Astrachan angekommen, die nächste Hürde: Die Banken hatten nach 17 Uhr bereits geschlossen. Bei der Suche nach einer Lösung fiel mir jedoch etwas auf, das mein Russland-Bild korrigierte: Astrachan ist eine schicke, moderne, saubere und geordnete Stadt. Ein krasser Kontrast zur vermüllten Steppe.
Russland ist mit 17 Millionen Quadratkilometern das grösste Land der Erde – Vielfalt in jeder Hinsicht ist hier vorprogrammiert. Auch wenn ich mangels Vollkasko-Versicherung ausserhalb der Transitrouten nicht tiefer in das Land eintauchen werde, freue ich mich schon jetzt auf den späteren Teil der Reise durch Südsibirien und das Altai-Gebirge.
Dann die Begegnung: Karina. Sie sah das deutsche Kennzeichen und sprach mich in fliessendem Deutsch an. Sie hat in München und Graz studiert, ist aber gebürtig aus Astrachan und lebt wieder hier. Während sie sich mit Tequila anfreundete, löste sie mein logistisches Problem: Sie nannte mir die exakte Bank, die morgen früh nicht nur Geld wechselt, sondern auch genug Platz für mein 12-MeKIter-Gespann bietet.
Danke, Karina. Ein weiterer Beweis: Wenn die Technik versagt, rettet der „Menschenweg“ die Situation. Morgen wird getauscht, getankt und dann endlich die Grenze nach Kasachstan angesteuert.
NACHTRAG: Gastfreundschaft ohne Grenzen (Spätabends um 22 Uhr)
Karina und ihr Mann Roman wollten nichts dem Zufall überlassen. Anstatt mich bis morgen früh warten zu lassen, gingen sie selbst zum Geldautomaten und holten Rubel. Sie fragten meinen Standort am Seitenarm der Wolga ab, setzten sich ins Auto und kamen direkt zu mir an den Wohnwagen, um mir 100 Euro in Rubel zu wechseln.
Das ist Gastfreundschaft pur – mehr geht nicht. Als wäre das nicht schon Hilfe genug, brachten sie mir noch eine Flasche russischen Rotwein mit. Der Abend ist gerettet, die Weiterfahrt morgen gesichert. Ein tiefes DANKE nach Astrachan.

Спокойной ночи с «берега» Волги
Das sind die menschlich herzlichen und unbezahlbaren Begegnungen, die eine Reise wie diese ausmachen.
Habe mich schon über deinen seltsamen Kurs gewundert.
Jetzt ist der Fall klar. Wünsche gute Orientierung!
jaja – denn erstens ist es anders und zweitens als man uns erzählt…..
Gute Reise und viele weitere guten Eindrücke
Hallo Dieter,
Dir ist ja wieder mal ein Engel begegnet.
Das ist herzerfrischend schön.
Hier in Rottweil sind wir dieses Wochenende im Brückenfieber.
Ich wünsche Dir eine Handbreit mehr Puffer in der Berechnung, aber auch weiterhin so tolle menschliche Begegnungen
Liebe Grüße von
Jutta