Der Stempel-Krimi, das Maulkorb-Wunder und die Flucht aus Ölgii

(07.05.26) Um 09:30 Uhr durfte ich endlich die erste Schranke passieren. Die Zöllnerinnen an der Einfahrt waren von Tequila sichtlich gerührt. Doch dann begann die bürokratische Arbeit. Ich musste den schweren Hartschalenkoffer und die Baseballtasche in den ersten Stock zum Kofferscann schleppen. Bei der Fahrzeugkontrolle forderte ich den Beamten auf, Einmalhandschuhe aus meinem Bestand anzuziehen, bevor er in meiner Bettwäsche wühlte – ein Angebot, das er annahm.

Dann der Schock: Im Büro verlangte der Beamte plötzlich eine klinische Bescheinigung der Reisefähigkeit für Tequila für die Ausreise aus Russland. Zudem forderte er einen Maulkorb. Der Versuch, ihr das Teil unter Stress aufzuzwingen, scheiterte kläglich. In diesem Moment packte mich eine tiefe Verzweiflung. Ich fuhr zurück nach Kosch-Agatsch. Wegen einer Radarstation der Luftabwehr am Ortseingang wird dort das GPS und das mobile Internet strategisch gestört. Zum Glück hatte ich kurz vor der Stadt noch eine Offline-Karte geladen, mit der ich grob ans Ziel kam. Karte und Kompass hielt ich als stille Reserve bereit.

Ich suchte die staatliche Veterinärstation und fand ein Amtsgebäude (das falsche), in dem ich erst ignoriert wurde. Doch dann erschien eine junge Frau, die fliessend Englisch sprach. Sie führte mich durch den Hinterausgang, über einen Parkplatz, vorbei an einer bizarren Anlage aus rund einem Dutzend Plumpsklo-Häuschen, durch Holzzäune und über Schotterwege bis zum eigentlichen Verwaltungsgebäude der Seuchenstation. Dort überzeugte eine weitere Beamtin sich am Auto von Tequilas Zustand. Ich las mit meinem Chipscanner die Nummer aus, was sie begeisterte. Kurz darauf erhielt ich den ersehnten Greifen-Stempel für nur 90 Rubel (ca. 1 Euro). Zurück an der Grenze übte ich mit Tequila und Leckerlis das Maulkorb-Spiel. Beim fünften Mal blieb er drauf. Um 15:30 Uhr waren wir endlich an der Grenzstation der Mongolei.

Die Landschaft wechselte zu beiger Wüstensteppe. Das Niemandsland bot 30 Kilometer brutale Schlaglöcher. Am Grenzausgang nötigte mich „Jackie Chan“ in Tarnuniform zu einer überteuerten Versicherung, während ein Geldwechsler mich beim Kurs um 20 % beschiess. Erst danach öffnete er die Schranke und gab mir meinen Reisepass zurück.

Ölgii selbst war ein Bild des Jammers: Verwahrlosung neben prunkvollen Moschee-Neubauten. Menschen bedrängten mich aggressiv für Geld. Nach zwei Stunden: Nur weg hier!

Kurz vor Tsagaannuur wurde ich von einem Toyota ausgebremst. Die Einladung zum Essen endete beinahe in einer Katastrophe, als der Hofhund der Gastgeber eine wütende Beissattacke auf Tequila startete. Ich konnte sie an der langen Leine kaum halten, während der Köter mit hochgezogenen Lefzen angriff.

Nach knapp 24 Stunden flüchtete ich zurück Richtung Russland. Ich habe meine 1/4-Weltreise vollbracht – belegt durch 6 Zeitzonen Unterschied zu Deutschland (ohne Sommerzeit sogar 7!), jedoch dieses Land wollte mich nur als Beute sehen.

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