Vom Stadtrat zur kasachischen Steppe: Ein politischer Nachhall – Kommunalpolitik, Minijobs und der Versuch, wieder zum Reiseblog zurückzufinden

(10.07.26) Genug politisiert. Dieser Satz stand vor mir wie eine selbst geschriebene Verkehrsleitbake. Eigentlich wollte ich die letzten Jahre meines Lebens weitgehend aus politischen Themen heraushalten. In meinem Profilbild auf Facebook steht nicht zufällig: „Was kann man Vernünftigeres machen als danach zu streben, so zufrieden zu leben wie es geht, dies zusammen mit seinen Nächsten und den Rest der Weltpolitik nur noch ignorieren!?“ Das war keine dekorative Lebensweisheit, sondern eine ziemlich klare Selbstanweisung.

Lange genug war ich in der Landespolitik und vor allem in der Kommunalpolitik aktiv. Je höher die politische Ebene, desto weniger spürbar werden die eigenen Einflüsse auf die gewünschten Auswirkungen. In der Kommunalpolitik war das anders. Dort konnte man abends in einer Sitzung mitentscheiden und Jahre später an einem Gebäude, einem Projekt, einer sozialen Einrichtung oder einer sichereren Stelle im Stadtbild vorbeigehen und wissen: Hier war nicht nur Gerede. Hier wurde etwas umgesetzt.

Als Stadtrat hatte ich drei Perioden in Folge das Wahlvertrauen der Bürger, bis ich entschied, mich stärker um mein privates Leben zu kümmern. Davor war ich bereits im Kirchengemeinderat aktiv. Mein Schwerpunkt lag immer im sozialen und kulturellen Bereich, besonders beim Wohl von Kindern und Jugendlichen. Bei einigen Infrastrukturprojekten konnte ich nicht nur mitwirken, sondern sie so massgeblich beeinflussen, dass ich heute ohne falsche Bescheidenheit sagen kann: Ohne mich hätte es manches in dieser Form nicht gegeben.

Dazu gehören die neue Stadthalle statt einer reinen Sanierung der Stadionhalle, die neue Jugendherberge als Projektzünder, nachdem ich das Deutsche Jugendherbergswerk mit einem Exposé für das leerstehende Dominikanerinnenkloster aus dem 13. Jahrhundert als regionalen Top-Standort begeisterte, der heutige Feuerwehrstandort, bei dem ich trotz anfänglichen Widerstands wegen der Fasnet-Bereitschaft letztlich mit einer lückenlosen Anfahrtszeitanalyse überzeugte, und das Fangnetz an der Hochbrück, das bis heute mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Leben gerettet hat.

Stopp. Genau hier merkte ich beim Schreiben, wie schnell aus einem politischen Übergang ein persönliches Schwelgen in alten kommunalpolitischen Erfolgen wird. Und ja, „meine“ Erfolge ist in manchen Fällen richtig. Aber diese Beispiele sind nur ein Bruchteil dessen, was eine Kreisstadt in Baden-Württemberg als Pflichtaufgaben und freiwillige Aufgaben bewegt. Unzählige weitere Projekte wurden von anderen Stadträtinnen und Stadträten, Wählervereinigungen, Fraktionen und Parteien initiiert, getragen, verbessert oder überhaupt erst möglich gemacht. Kommunalpolitik ist nie das Werk eines Einzelnen. Sie ist ein permanentes Ringen um Mehrheiten, Machbarkeit, Geld, Verwaltung, Überzeugung und manchmal auch um den richtigen Zeitpunkt.

Meine letzten grösseren kommunalpolitischen Einflussnahmen lagen Ende 2015 bei der aus meiner Sicht idealen Besetzung der Bürgermeisterstelle und dann noch einmal im Herbst 2022, als ich massiv in den Oberbürgermeisterwahlkampf eingriff, um den nach meiner Überzeugung besten Oberbürgermeister für Rottweil zu fördern. Das gelang zusammen mit knapp über fünfzig Prozent der Wähler. Seitdem halte ich mich, abgesehen von kleinen Einflussnahmen über mein Netzwerk, aus politischen Themen weitgehend heraus.

Was hat das nun mit meiner Eurasien- und Zentralasienreise zu tun? Nichts. Jedenfalls nicht direkt. Mit Menschenwegen aus der Vergangenheit vielleicht. Denn Menschenwege sind nicht nur Begegnungen am Strassenrand in Kasachstan oder Tee in einer Verwaltung von QazaqGaz. Menschenwege sind auch frühere Lebensabschnitte, Entscheidungen, Kämpfe, Projekte, Niederlagen und Wirkungen, die man irgendwann hinter sich lassen wollte und die einen dann doch wieder einholen.

Der harte wirtschaftswissenschaftliche und politische Artikel zum Thema Minijob passte deshalb eigentlich nicht in diesen Reiseblog. Gleichzeitig passte er erschreckend gut zu mir. Ich sitze am Rand der kasachischen Steppe, bin wegen eines Unfalls, eines zerstörten Mazda, eines reparierten Wohnwagens, einer 55 Kilogramm schweren Cane Corso-Hündin und einer zähen Zoll- und Grenzlogik festgebunden, und aus Deutschland erreicht mich eine Debatte, die meinen eigenen regionalen 24h-Schlüsselnotdienst direkt treffen würde. Da wird Politik plötzlich wieder konkret. Nicht als Bundestagskulisse, sondern als mögliche Rechnung für Menschen, die nachts ausgesperrt vor ihrer Wohnung stehen.

Vielleicht war dieser politische Ausbruch nur ein kleines i-Tüpfelchen gesellschaftlicher Einflussnahme. Vielleicht verpufft er. Vielleicht liest ihn jemand, der ohnehin schon derselben Meinung ist. Vielleicht liest ihn aber auch jemand, der versteht, dass man ein krankes System nicht heilt, indem man einem kleinen Betrieb, einem Rentner, einer Studentin, einer Kellnerin, einem Notdiensthelfer oder einem Familienbetrieb die letzte flexible Stütze wegnimmt, bevor man das ganze Haus neu gebaut hat.

Damit ist dieser Exkurs erledigt. Wirklich. Ab jetzt geht es zurück in den Menschenwege-Stil. Zurück nach Algha. Zurück zu Stillstand, der kein leerer Stillstand war. Zurück zu Menschen, die mir Wäsche wuschen, Tequila liebten, Tee kochten, meinen Wohnwagen reparierten, Ersatzteile organisierten, mich zum Essen einluden und mir in einem fremden Land halfen, als das ganze Projekt für einen halben Tag innerlich fast kippte.

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