Als die erste Nervensicherung durchbrannte

(02.07.26) An diesem Tag stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nicht im dramatischen Sinn eines theatralischen Zusammenbruchs, sondern in jener nüchternen, technischen Form, in der ein überlastetes System plötzlich merkt: Noch ein ungeplanter Prozess, noch eine unklare Information, noch ein fremdbestimmter Termin, und die Steuerung steigt aus.

Ich schrieb ein Rundschreiben an alle Beteiligten meiner Unfallsache und der damit verbundenen Abläufe. Der Kern war brutal einfach: Alles, was mich betrifft, muss zuerst mit mir besprochen werden. Termine, die mich betreffen, müssen zuerst mit mir ausgemacht werden. Informationen, die mich betreffen, müssen mir zuerst mitgeteilt werden. Ich bin keine beliebige Manövriermasse, über die man frei verfügen kann. Ich bin ein Mensch mit Bedürfnissen, einem Tagesablauf und einem Hund, dessen Bedürfnisse nicht nebenbei verschwinden, nur weil irgendwo eine Behörde, ein Helfer, ein Dolmetscher oder ein Fahrer gerade eine Idee hat.

Tequila braucht Fressen, Wasser, Ruhe, Bewegung und Sicherheit. Ich brauche Essen, Toilette, Schlaf, Entlastung und Planbarkeit. Das klingt banal, bis man merkt, dass genau diese Banalitäten in einer Ausnahmesituation schnell unter die Räder geraten. Ich hatte hier inzwischen Freunde gefunden, die Termine mit mir ausmachten. Ich war zum Beispiel für den Abend in der Sauna eingeladen, für den nächsten Mittag zum Essen. Beides sagte ich ab, weil die kurzfristigen Informationen, die Ungewissheit und der Eindruck, nur noch verschoben zu werden, mein Nervenkostüm vollständig aufgerieben hatten.

Mein Hauptproblem war zu diesem Zeitpunkt Viktor Krüger. Nicht Viktor als Mensch, sondern seine blockierte Funktion im Projekt. Er stand mit dem Ersatzfahrzeug an der russischen Grenze beziehungsweise später wieder in Lettland fest. Dieses Fahrzeug sollte die Lösung sein: ein geeignetes Zugfahrzeug, mit dem ich meinen reparierten Wohnwagen anhängen und zusammen mit Tequila nach Hause fahren konnte. Ohne diese Lösung hing ich möglicherweise viele weitere Wochen in Kasachstan fest.

Für diese Lösung waren bereits enorme Summen investiert worden: Reparatur des Wohnwagens, Kauf eines gebrauchten Ersatzwagens, Wartung, Instandsetzung, Organisations- und Wegeaufwand. Dazu kam die Versöhnungssumme. Später kamen weitere rund 30.000 Euro zur Ablösung des Leasingfahrzeugs hinzu. In Summe bewegte sich das ganze Fiasko schnell in Richtung 50.000 Euro. Finanziell hatte ich in meinem Leben schon grössere Hürden überwunden. Millionenhöhe sogar. Geld allein war deshalb nicht der Kern. Der Kern war die plötzlich empfundene Hoffnungslosigkeit.

Wie sollten Tequila und ich unbeschadet nach Hause kommen, wenn Viktor das Ersatzfahrzeug nicht nach Kasachstan bringen konnte? Fliegen war mit einer 55 Kilogramm schweren Cane Corso-Hündin praktisch ausgeschlossen. Zug oder Bus über diese Strecke mit diesem Hund waren keine realistischen Optionen. Tequila in andere Hände zu geben, kam für mich nicht in Frage. Ich schrieb damals sehr klar: Ich werde meine Hündin weder erschiessen noch abgeben, um heimzufliegen. Ich gehe nur mit Hund. Alles andere würde diesem Lebewesen nachhaltigen Schaden zufügen und das Vertrauen zwischen uns zerstören.

Parallel stand die Frage der Aufenthaltsgenehmigung im Raum. Vom 06. Juni bis zu diesem Zeitpunkt war ich gegen meinen Willen in Kasachstan festgehalten und weitestgehend unbeweglich gewesen. Für den Ablauf meiner visafreien Aufenthaltsgenehmigung konnte ich aus meiner Sicht nichts. Ich wusste schlicht nicht, dass es schädlich sein kann, von einer Staatsbehörde in einem Staat festgehalten zu werden und dadurch im selben Staat die Aufenthaltsfrist zu überschreiten. Das ist eine jener absurden Schnittstellen zwischen realem Leben und Verwaltungslogik, bei denen der Mensch innerlich nur noch mit offenem Mund vor dem Paragrafen steht.

Mir dann wenige Stunden vorher mitzuteilen, dass ich quasi sofort in den frühen Morgenstunden nach Aqtöbe zur Verlängerung müsse, empfand ich in meiner damaligen Sonderlage als unmenschlich. Nicht weil ich nicht bereit gewesen wäre, zur Behörde zu gehen. Im Gegenteil. Ich schrieb, ich werde unmittelbar zur nächsten Öffnungszeit erscheinen, wenn ich mindestens 24 Stunden vorher weiss, wann diese geöffnet hat. Ich brauche dann Zeit, um Tequila und mich vorzubereiten, Wasser, Futter, Gassi, Toilette, Medikamente, Fahrt, Wartezeiten und Rückkehr logisch zu planen. Diese 24 Stunden waren nicht Bequemlichkeit. Sie waren Betriebssicherheit.

Am nächsten Morgen schrieb ich erneut an denselben Verteiler. Ich hatte keine Sekunde geschlafen. Mein Nervenkostüm lag an der absoluten Grenze des Belastbaren. Ich erklärte, dass ich nicht individuell antworten könne, weil mir die Energie fehle. Ich schrieb über die finanzielle Belastung, über die Ratlosigkeit, über die Blockade an der russischen Grenze, über das Problem zweier Fahrzeuge auf meinen Namen in der Zollunion: ein deutsches Schrottfahrzeug, abgemeldet, wertlos, aber zollrechtlich vorhanden; und ein Ersatzfahrzeug, das zu mir gebracht werden musste, damit ich überhaupt heimfahren konnte.

Ich schrieb auch hart über die deutsche Vertretung. In diesem Moment empfand ich Botschaft und Konsulat als reine Lebenszeit-Diebe. Das war emotional formuliert, zugespitzt und wahrscheinlich für Verwaltungsrealisten unfair. Aber es beschreibt korrekt meinen Zustand. Ich brauchte keine Beileidsbekundungen, kein Mitleid und keine gut gemeinten Ratschläge. Ich brauchte konkrete Taten. Ich brauchte jemanden, der half, dass Viktor weiterfahren konnte. Oder eine andere belastbare Lösung.

Im Nachhinein war dieser Rundumschlag teils unlogisch und nicht wirklich zielführend. Er traf Menschen, die helfen wollten. Er vermischte Ebenen. Er klang für manche wie ein Vorwurf, obwohl er eigentlich ein Hilferuf war. Aber genau deshalb gehört er hier hinein. Menschenwege sind nicht nur die freundlichen Begegnungen mit Tee, Brot und warmen Mahlzeiten. Menschenwege sind auch Missverständnisse, Überforderung, falsche Töne, gekränkte Helfer, spätere Klärungen und das langsame Wiederherstellen von Vertrauen.

Ich kochte mir danach einen Kaffee und ging mit Tequila in einen ruhigen Park. Es war früh. Die Stadt war noch nicht im vollen Tagesbetrieb. Dort begann sich das Nervenkostüm wieder zu festigen. Tequila begegnete zwei Kälbern. Sie legte sich vor ihnen hin, um ihnen keine Angst zu machen. Die Tiere kamen näher, schnupperten interessiert, leckten mit ihren Zungen am Gegenüber, und für einige Minuten gab es eine seltsame, wunderbare Cane-Corso-Kuh-Harmonie. Ausgerechnet zwei Kälber und eine grosse Hündin holten mich wieder ein Stück aus dem inneren Ausnahmezustand.

Später stellte sich heraus, dass viele, die sich zunächst angegriffen fühlten, wieder befriedet werden konnten. Manche verstanden erst im Nachhinein, dass es nicht um Undank ging. Es ging um Kontrollverlust. Um Informationslücken. Um einen Menschen, der in einer extremen Lage nicht noch zusätzlich durch gut gemeinte, aber ungeordnete Fremdsteuerung zerlegt werden durfte. Danach kam der nächste Schritt: nicht mehr Rundumschlag, sondern Befreiung. Kein Projektstatus. Kein Forderungskatalog. Sondern ein Gedicht.

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