(03.07.26) Als sich die Anspannung langsam löste, schrieb ich den Rest meines inneren Drucks aus meiner Seele, aus meinem Bewusstsein und vermutlich auch aus meinem Unterbewusstsein. Nicht als Bericht, nicht als Projektstatus, nicht als Bitte um Hilfe. Sondern als Gedicht. Ich schickte es auf Deutsch und für meine kasachischen und russischen Freunde sowie Beteiligten auf Russisch an denselben Verteiler, der zuvor meine Hilferufe erhalten hatte. Es war eine Befreiung.
Der Horizont von Alga
Ein lauter Knall in der Weite der Steppe.
Die Welt zerbricht in zwei Hälften:
Der Mazda nur noch Schrott, der Bürstner stumm und schwer.
Festgehalten in Alga, Region Aqtöbe,
wo die Bürokratie der Zollunion unsichtbare Mauern baut.
Ein verzweifelter Anruf aus Lettland – Viktor kommt nicht durch.
Das Ersatzfahrzeug blockiert am Tor von Russland.
Zwei Autos auf meinen Namen, gefangen im Paragraphendschungel.
Und, in meinem Herzen die Angst um Tequila,
meine treue Cane Corso-Hündin, 55 Kilo pure Seele.
Kein Flugzeug nimmt sie mit, kein Zug erlaubt diese lange Reise.
Die einfachste Lösung zerplatzt wie Glas.
Die Dunkelheit bricht herein.
Die Polizei von Alga bemüht sich, sucht nach Wegen,
versucht das Unmögliche zu regeln – doch ihre Hände sind gebunden.
Von der Botschaft nur ohnmächtiges Schweigen, verlorene Zeit.
Und, dann die Nachricht über Dritte, wie ein Schlag in die Magengrube:
Das Visum seit zwei Tagen abgelaufen, weil die Zeit im Unfallschock stillstand.
Niemand sagte es mir direkt, nur das Raunen eines Dolmetschers.
Ein Zustand nahe dem Nervenzusammenbruch.
Ein stummer Hilfeschrei, eine blockierte Leitung, Schutzmauern um mich selbst.
Die raue, schlaflose Nacht bringt keinen Trost, nur rasende Gedanken.
Erst der Morgen im ruhigen Park mit Tequila bringt die erste, tiefe Atmung.
Dann der Gang zur Migrationspolizei – ein Wendepunkt.
Ein Beamter reicht mir fünfzehn Tage Leben, fünfzehn Tage Zeit.
Und, plötzlich bricht das Eis.
Ein Netzwerk aus Menschlichkeit knüpft sich im Verborgenen.
Rund ein Dutzend kasachische Freunde, Männer und Frauen,
sie reichen mir die Hand, hören einfach nur zu.
Die Frauen hüten Tequila, schenken ihr Liebe, während ich kämpfe.
Es ist Alexander, der zuerst die Stille bricht und neue Wege sieht,
gefolgt von Viktor, die beide im tiefen Glauben stehen.
Verschiedene Wege zu Gott, doch geeint im selben Werk:
Adventisten, Baptisten, Pfingstler und die vielen muslimischen Helfer der Steppe.
Ihre Gebete sprechen verschiedene Sprachen, doch ihre Taten sind eins.
Sie alle leben die wahre Nächstenliebe, ohne Trennung, Hand in Hand.
Die Polizei von Alga hat alles gegeben, ihr gebührt mein Dank,
auch wenn die Paragraphen des Zolls mächtiger waren als sie.
Das Zollproblem bekommt Risse, Lösungen leuchten am Horizont auf.
Der hauchdünne Faden meines Nervenkostüms wird wieder zum Seil.
Die Spur der Sehnsucht führt mich nun nach Hause.
Vorwärts, mit neuem Tatendrang und befreitem Geist.
Vorbei an den Sorgen, die der Wind der Steppe davonträgt.
Mein Herz schlägt wieder ruhig und fest.
Ich sehe den Sonnenaufgang, ich sehe den Weg vor mir,
der mich zurück nach Rottweil führt –
und, heim zu meiner geliebten Maria, die ich so unendlich vermisse.
Горизонт Алги
Громкий удар в бескрайней степи.
Мир раскололся надвое:
Мазда превратилась в лом, Бюрстнер замер, недвижим и тяжел.
Я застрял в Алге, в Актюбинской области,
Где бюрократия Таможенного союза
возводит невидимые стены.
Отчаянный звонок из Латвии — Виктор не может проехать.
Подменная машина заблокирована на границе с Россией.
Два автомобиля на мое имя, пойманные в ловушку параграфов.
А в моем сердце — страх за Текилу,
Мою верную кане-корсо, 55 килограммов чистой души.
Ни один самолет не возьмет ее, ни один поезд не выдержит этот долгий путь.
Самое простое решение разлетелось, как стекло.
Надвигается тьма.
Полиция Алги искренне старается, ищет пути,
Пытается уладить невозможное — но их руки связаны законами.
От посольства лишь бессильное молчание, украденное время.
И вдруг известие через третьих лиц, словно удар под дых:
Виза просрочена на два дня, ведь время замерло в шоке после аварии.
Никто не сказал мне прямо, лишь шепот переводчика.
Состояние, близкое к нервному срыву.
Безмолвный крик о помощи, заблокированный телефон, стены защиты вокруг себя.
Тяжелая, бессонная ночь не приносит сна, лишь бешено бьющиеся мысли.
Только утро в тихом парке с Текилой приносит первый, глубокий вдох.
Затем поход в миграционную полицию — поворотный миг.
Офицер дарует мне пятнадцать дней жизни, пятнадцать дней времени.
И вдруг лед тает.
Сеть человечности плетется втайне от всех.
Около десятка казахских друзей, мужчин и женщин,
Протягивают мне руку, просто слушают меня.
Женщины оберегают Текилу, дарят ей любовь, пока я борюсь.
Это Александр первым прерывает тишину и видит новые пути,
А вслед за ним и Виктор — оба сильные в своей глубокой вере.
Разные дороги ведут их к Богу, но они едины в общем деле:
Адвентисты, баптисты, пятидесятники и множество мусульманских помощников в этой степи.
Их молитвы звучат на разных языках, но поступки их едины.
Все они являют живую любовь к ближнему, без границ, рука об руку.
Полиция Алги сделала все, что могла, они заслуживают моей благодарности,
Даже если параграфы таможни оказались сильнее их.
Таможенная проблема дает трещину, на горизонте загораются решения.
Истончившаяся нить моих нервов снова становится крепким канатом.
След тоски и любви ведет меня теперь домой.
Вперед, с новой энергией и освобожденным духом.
Мимо забот, которые уносит степной ветер.
Мое сердце снова бьется спокойно и сильно.
Я вижу рассвет, я вижу дорогу перед собой,
Которая ведет меня обратно в Ротвайль —
И домой, к моей любимой Марии, по которой я так бесконечно скучаю.
Nachdem das raus war, fühlte ich mich wie neu geboren. Das klingt pathetisch, aber in diesem Fall ist es die präziseste Beschreibung. Der vorherige Hilferuf hatte Druck abgelassen, aber er hatte auch neue Reibung erzeugt. Das Gedicht tat etwas anderes. Es ordnete die Lage nicht juristisch und nicht logistikorientiert, sondern menschlich. Es sagte Danke, ohne die Verzweiflung zu verleugnen. Es zeigte die Dunkelheit, ohne darin wohnen zu bleiben. Es nahm die Menschen, die geholfen hatten, in eine gemeinsame Sprache auf. Danach konnte ich wieder in die typische Projektarbeit zurückkehren: Sachstand festhalten, Teillösungen darlegen, Problemstellung benennen, unklare Punkte sortieren und mögliche Lösungsansätze prüfen. Das emotionale Ventil war offen gewesen. Nun durfte der Kraftfahrzeugmechanikerhandwerksmeister, Wirtschaftswissenschaftler und Prozessmensch wieder übernehmen.