(10.07.26) Stillstand und doch keine Langeweile. Fehlender Horizont ohne klare Zeitachse. Hoffnungslosigkeit kam trotzdem nicht auf. Zufriedenheit mit dem, was ich nicht ändern kann, blieb mein Grundgefühl. Und doch brach der Schreibfluss ab. Mehrfach setzte ich an, schrieb einen halben Satz, spürte, dass der innere Motor nicht griff, und hörte wieder auf.
Seit Wochen sollten hier wieder täglich Blogartikel entstehen. Nicht über Steine, Sehenswürdigkeiten oder touristische Pflichtpunkte, sondern über Menschenwege-Begegnungen. Eigentlich hätten die Beiträge direkt an den 07.06.26 mit „Olga, Igor und die erste Welle von Algha“ und an den 08.06.26 mit „Ein Traktor nach QazaqGaz: Askar, Dusche, Strom und neues Asyl“ anschliessen sollen. Doch danach geschah auf dem Blog fast nichts. Einen Monat lang Schreibflaute.
Die ersten Beschwerden treuer Leserinnen kamen bereits. „Du vernachlässigst dein Menschenwege.de!“ Oder: „Zeit müsstest ja haben.“ Der Satz ist logisch betrachtet nachvollziehbar. Ich stand schliesslich in Algha, konnte nicht frei weiterreisen, hatte keinen normalen Reisealltag und lebte mit Tequila in einem wieder funktionsfähigen, aber beschädigten Wohnwagen auf dem Gelände von QazaqGaz. Von aussen betrachtet klingt das nach Zeit. Von innen betrachtet war es eine andere Kategorie.
Wir messen Zeit in Stunden, doch wir leben sie in Antrieb, Fokus und Hoffnung. Chronologische Freizeit ohne klare Zukunftsaussicht ist kein freier Raum, sondern Stillstand. Wahre Lebenszeit entsteht nicht durch einen leeren Kalender, sondern durch inneren Raum. Und genau dieser innere Raum war selten frei.
Ich war bei allen Gegebenheiten und Veränderungen nach aussen sehr gefasst. Als Asperger habe ich zum einen die Gabe, dass Negatives bei mir selten den Schwerpunkt einnimmt. Es wird registriert, analysiert, einsortiert und in eine Prozesskette umgewandelt. Als Eudaimonist ist es ohnehin meine Lebensphilosophie, aktiv nach Zufriedenheit zu streben. Mit allem, was ich nicht ändern kann, bin ich grundzufrieden oder vielleicht treffender: in Frieden.
Was für andere Schwierigkeiten oder Probleme sind, sind für mich im schlimmsten Fall Herausforderungen. Neue Projekte. Ergänzende Projekte. Projektteile, für die man eben eine andere Lösung oder einen anderen Weg suchen und finden muss. Der Körper kann eingeschränkt sein, die Lage kann absurd sein, der Mazda kann Schrott sein, der Pass kann bei der Polizei liegen, die Zollunion kann unsichtbare Mauern bauen, aber im Kopf entsteht trotzdem zuerst eine Aufgabenliste.
Doch auch ein gut strukturiertes Nervensystem ist kein unendliches Bauteil. Es gibt Belastungen, die nicht durch Logik verschwinden. Sie werden durch Logik nur länger gehalten. Und manchmal reisst nicht das ganze System, sondern eine Sicherung. Bei mir war das genau einmal der Fall. Für ungefähr einen halben Tag war ich dem Nervenzusammenbruch nahe.
Der Auslöser war nicht ein einzelnes Ereignis, sondern eine Überlagerung: Unfallfolgen, Passentzug, Aufenthaltsfragen, die Zollunion, der Schrott-Mazda, das Ersatzfahrzeug, Viktor an der russischen Grenze, Tequila als nicht verhandelbarer Lebensgefährte, Geldsummen, Dolmetscher, Behörden, Helfer, gut gemeinte Umwege und vor allem der Verlust direkter Kontrolle über Informationen, Termine und Abläufe. Für andere mag das nach Organisation klingen. Für mich wurde es für einige Stunden zu einem Systemfehler. Aus diesem Systemfehler entstand ein Rundschreiben, das im Nachhinein teilweise unlogisch, hart und nicht in jeder Form zielführend war. Viele verstanden es nicht. Einige fühlten sich angegriffen. Gleichzeitig beschreibt es genau den Moment, in dem der innere Druck nicht mehr sauber durch einen normalen Textausgang passte. Wer damals diese Nachricht erhielt, soll sich in diesem Artikel wiederfinden. Nicht als Angeklagter, sondern als Teil jener chaotischen, überforderten und doch letztlich helfenden Menschenkette, die mich am Ende nicht fallen liess.