Aus der Sackgasse wird wieder ein Projekt: Mazda, Zollunion und die teuerste Heimreise meines Lebens

(07.07.26 bis 10.07.26) Nach dem emotionalen Tiefpunkt und dem Gedicht wechselte das System wieder in den Modus Projektarbeit. Kein Jammern, keine Nebelwolken, keine philosophische Grossbaustelle. Sachstand erfassen. Variablen benennen. Teillösungen prüfen. Risiken sortieren. Entscheidungen vorbereiten.

Der Sachstand am 07.07.26 war nüchtern und zugleich absurd genug für ein Lehrbuch über reale Bürokratie: Am 06.06.26 hatte ich in Kasachstan mit meinem Wohnwagen-Gespann einen Verkehrsunfall mit Personenschaden. Den Reisepass hatte ich inzwischen wiederbekommen. Am Donnerstag, den 02.07.26, erhielt ich die schriftliche Bestätigung der Staatsanwaltschaft, dass das Verfahren wegen schwerer Körperverletzung gegen mich eingestellt wurde. Die Aufenthaltsgenehmigung war bis 16.07.26 verlängert. Tequila war weiterhin bei mir, 55 Kilogramm Cane Corso, Ausschlusshund bei Fluggesellschaften und damit der zentrale Fixpunkt jeder Heimreiseplanung.

Das Zugfahrzeug, mein Mazda CX-5, war Schrott. Ein deutsches Gutachten lag vor. Zulassungsrechtlich war er beim Landratsamt Rottweil bereits abgemeldet. Die Zulassungsbescheinigung Teil II lag bei mir am Standort vor: QazaqGaz in Alga, Seifullin Street 23, 030200 Alga, Region Aqtöbe, Kasachstan. Dort lebte ich weiterhin mit meinem inzwischen wieder reisefähig, fahrbereit und verkehrssicher gemachten Wohnwagen.

Alexander, der deutsch, russisch und kasachisch sprechende Autohändler aus Aqtöbe, war beim Zoll am Flughafen Aqtöbe gewesen. Die Auskunft dort: Eine Einfuhr des Schrott-Mazda aus Deutschland nach Kasachstan sei nicht möglich. Damit zerfiel eine der gedanklich naheliegenden Lösungen. Den Schrott hier formal sauber einführen, verzollen, verschrotten und aus dem System nehmen? Nach dieser Auskunft: nein.

Die bestehenden Teillösungen sahen auf dem Papier fast vernünftig aus. Viktor Krüger wartete in Lettland in der Nähe des Grenzübergangs Terehova mit einem auf mich zugelassenen Pkw, der geeignet war, den Wohnwagen zu ziehen. Er war bereit zur Abholung, konnte aber wegen des bereits deklarierten Mazda mit meinem Ersatzfahrzeug nicht nach Russland einfahren. Gleichzeitig gab es einen in Kasachstan lebenden russischen Staatsbürger, der mich, Tequila und den Wohnwagen mit seinem kasachisch zugelassenen Lexus SUV mit LPG-Gasantrieb bis an eine russische Grenze zu Lettland bringen konnte, vielleicht sogar bis in das Niemandsland.

Die Problemstellung blieb jedoch brutal: Der Mazda CX-5, RW-DA 6959, war an den Grenzen der russisch geprägten Zollunion gespeichert und stand auf dem Sicherstellungsgelände der Polizei Alga. Aus der Zolldatenbank musste dieses Auto irgendwie heraus, bevor ich ohne dieses Fahrzeug weiterreisen konnte. Oder anders formuliert: Ohne meinen in der Zollunion deklarierten Mazda kam ich möglicherweise weder aus Kasachstan heraus noch nach Russland hinein. Egal auf welchem Weg.

Bei der Einreise von Georgien nach Russland hatte ich für Zugfahrzeug und Wohnanhänger jeweils eine Deklaration ausfüllen müssen. Bei der Ausreise in die Mongolei wurden diese Deklarationen entwertet und zurückgegeben. Bei der erneuten Einreise aus der Mongolei nach Russland musste ich zwei neue Deklarationen ausfüllen. Diese wurden mir später am kasachischen Zoll bei der Ausreise nach Usbekistan abgenommen. Ich protestierte, wollte sie zurück oder wenigstens fotografieren, doch der Grenzbeamte verweigerte das. Bei der erneuten Einreise nach Kasachstan erhielt ich eine ausgefüllte Deklaration vom kasachischen Zoll. Genau an solchen Stellen merkt man, wie wichtig Papier wird, wenn ein Fahrzeug plötzlich nicht mehr fahren kann.

Zu prüfen waren mehrere Punkte: Komme ich mit der kasachischen Deklaration ohne ursprüngliche russische Deklaration überhaupt aus Russland heraus? Ist ein Verkauf oder eine Einfuhr nach Kasachstan wirklich ausgeschlossen? Muss der Schrott-Mazda auf einem Transporter von Kasachstan nach Lettland oder zumindest in das Niemandsland zwischen Russland und Lettland gebracht werden? Können Freunde von Askar mit ihrer Spedition helfen? Kann ich mit Hund und Wohnwagen ohne Mazda ausreisen und der Mazda später nach Deutschland transportiert werden?

Eine besonders elegante Idee klang zunächst nach der saubersten Lösung: offizielle Verschrottung oder Zerstörung unter Zollaufsicht. Der rechtliche Gedanke dahinter: Nach dem Zollkodex der EAWU kann die Pflicht zur Wiederausfuhr erlöschen, wenn ein Fahrzeug durch Unfall unheilbar zerstört wurde. Also Antrag beim Zollamt in Aqtöbe auf „Zerstörung unter Zollaufsicht“, auf Russisch sinngemäss „Unitschtozhenie pod tamozhennym kontrolem“. Belege wären vorhanden gewesen: deutsches Gutachten, Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft, Unfallnachweise. Ergebnis im Idealfall: Der Zoll überwacht die Verschrottung oder erkennt den Totalschaden an, der Mazda wird offiziell aus der Datenbank gelöscht, der Schrott verbleibt legal in Kasachstan.

Am 08.07.26 kam die nächste Ernüchterung. Andrej, der Dolmetscher, sprach persönlich beim Zoll in Aqtöbe vor. Die Auskunft: Verschrottung des Mazda in Kasachstan nicht möglich. Den Mazda später ohne mich aus Kasachstan ausführen? Ebenfalls nicht möglich. Sicher ist hier zwar nie etwas, das habe ich gelernt, aber meine Einschätzung verdichtete sich: Ich musste mit Wohnwagen, Hund und Mazda gleichzeitig über die kasachische Grenze nach Russland. Und danach aus Russland heraus Richtung Lettland.

Der Mazda sollte möglichst bis ins Niemandsland zwischen Russland und Lettland bei Terehova kommen. Von dort hätte ich vermutlich eine leichtere Möglichkeit, den Weitertransport nach Lettland zu organisieren. Besser wäre direkt nach Lettland. Noch besser nach Deutschland. Aber in solchen Lagen ist „besser“ keine Kategorie, sondern ein Luxuswort. Entscheidend war: Was ist sicher machbar?

Am 09.07.26 fiel die Entscheidung. Zwei Zugfahrzeuge mit LPG-Gasantrieb sollten mich am Samstag um 11 Uhr von Alga in Richtung russische Grenze bei Terehova bringen. Ein Lexus SUV zieht meinen Wohnwagen. Ich sitze auf dem Beifahrersitz. Tequila darf auf den Rücksitz auf eine spezielle Hundedecke. Das zweite Zugfahrzeug zieht einen Autotransportanhänger. Dieser Fahrer holt den eigentlich wertlosen Schrott-Mazda bei der Polizei ab und nimmt ihn mit.

Viktor Krüger wartet seit dem 02. Juli weiterhin in Lettland mit meinem Ersatzfahrzeug, das später den Wohnwagen übernehmen soll. Für den Mazda suchen wir noch nach einer Lösung für das letzte Stück bis Lettland und für eine sichere Unterstellung von zwei bis vier Wochen. Wie es mit diesem Stück Schrott weitergeht, organisiere ich von Deutschland aus. Das klingt absurd, ist aber die beste der schlechten Optionen.

Ja, diese Lösung ist teuer. Sehr teuer. Vor allem mit Blick auf ein wertloses Stück Stahl, das faktisch nur noch als zollrechtlicher Datensatz Bedeutung hat. Aber nach erneuter Prüfung scheint die Ausfuhr des Unfallwagens tatsächlich der einzige sichere Weg in der EAWU zu sein. Die Alternative wäre eine Sicherheitsleistung von 15.000 Euro bis zur Ausfuhr des Schrotts, zuzüglich einer theoretischen Strafe bei zu später Ausfuhr, falls ich noch einmal in die EAWU einreisen sollte. Auch das ist keine Lösung, sondern nur eine andere Form von Fessel.

Nun liegen hoffentlich die letzten 4.600 bis 4.800 Kilometer bis nach Hause vor mir. Mit Hänger und Hund sind im Schnitt 400 bis 600 Kilometer täglich realistisch. Den Rest kann jeder selbst ausrechnen und auf Polarsteps live verfolgen. Und es gilt wie immer: Die schlechteste Entscheidung ist keine Entscheidung.

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