(10.07.26) Da ich gerade aufräume, den Wohnwagen für die morgige Abreise vorbereite und gleichzeitig hektisch versuche, den Blog halbwegs aktuell zu bekommen, bleibt vieles vorerst nur als Vormerkung stehen. Das ist kein sauberer literarischer Zustand, aber ein ehrlicher. Um alle Geschichten vollständig fertigzuschreiben, werde ich zu Hause vermutlich noch bis August brauchen. Wir werden sehen.
Erzählt werden muss noch vom Beschbarmaq-Essen bei Askar und seiner Familie am 09.06.26. Vom kasachischen Caravan-Club, der von meinem Malheur erfuhr und helfen wollte. Von 519 Mitgliedern, die Geld sammelten, Ersatzteile organisierten und mit einer Hilfsbereitschaft reagierten, wie ich sie so noch nirgends auf der Welt erlebt hatte. Von den genauen Massen, die benötigt wurden, und davon, wie Askar einen Messschieber mit über 160 Millimeter Messweite besorgte, damit aus Hilfsbereitschaft konkrete Reparatur werden konnte.
Erzählt werden muss vom 12.06.26, als Mitarbeiter der Verwaltung beziehungsweise des Notdienstes von QazaqGaz begannen, den Frontschaden am Wohnwagen zu reparieren. Gasflasche befestigen, Gasraum richten, zerstörte Klappe mit Blechen, Winkeln und Nieten zusammenflicken. Gleichzeitig waren Ersatzteile gefunden und bezahlt, Abholung und Transport organisiert. Der Händler, der von meiner Geschichte erfahren hatte, wollte nicht an mir verdienen und liess über fünfzig Prozent am Preis nach. Weil dadurch Geld übrig blieb, überwies mir der kasachische Caravan-Club sogar noch einen Anteil für weitere Aufwendungen.
Auch mein Dank an diese Caravanfreunde gehört noch ausführlich erzählt. Ich schrieb ihnen, dass ich auf meiner Reise durch Zentralasien besonders in Kasachstan viel Gastfreundschaft erlebt habe, aber dass das, was nach diesem Unglück geschah, unfassbar sei. So viel Hilfsbereitschaft in allen Lebenslagen brachte mich zeitweise zum Weinen. Ich stellte mir mit Maria und Freunden die Frage, was wohl passiert wäre, wenn eine kasachische Caravan-Gespann-Fahrerin oder ein solcher Fahrer genau so in Rottweil gestrandet wäre. Ich schämte mich für die hypothetischen Ergebnisse dieser Diskussion.
Dann gibt es die kuriose KI-Bildgeschichte. Am selben Tag fertigten Clubmitglieder mit KI ein Bild von mir vor meinem Wohnwagen als edlen Nomaden, respektierten kasachischen Ältesten, vielleicht sogar Khan oder Batyr. Chapan, Börik, Stiefel, geschmückter Wohnwagen wie ein Steppenzelt. Nur Tequila hatten sie aus dem Ursprungsbild rechts neben mir durch einen edlen kasachischen Tazy ersetzt. Das konnte ich natürlich nicht stehen lassen und fügte Tequila links von mir sofort wieder ein. Seither sitze ich bildlich in Kasachstan vor meinem verzierten Wohnwagen und throne wartend in der Steppe.
Und weil viele der Kasachen Muslime sind, folgte natürlich noch ein Scherz. Sie erklärten sinngemäss: Jetzt müssen wir ihn nur noch beschneiden lassen. Ich wusste sofort, worauf das hinausläuft, und konnte kontern: Ich bin schon beschnitten, allerdings aus medizinischen Gründen, aber damit sei wohl der erste Schritt getan. Das Gelächter und die freudigen Antworten in der WhatsApp-Gruppe waren danach gross. Genau solche Momente kann man nicht planen. Sie entstehen aus Nähe, Humor, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, kulturelle Unterschiede nicht als Minenfeld, sondern als Spielraum zu behandeln.
Erzählt werden müssen ausserdem die überfällige Fusspflege in Alga, die besten Freundinnen von Tequila bei QazaqGaz, nämlich Natascha, Mira und Dina, Svetlana und ihr Team mit dem regelmässigen Nachmittagstee samt Wurst und Käse, das 24-Stunden-Notdienstteam für Gasnotfälle in seinem Bereitschaftsraum, wo ich regelmässig zu Tee und Essen eingeladen war, und die praktische Lebensmittellogik, weil durch die unkoordinierten Essensgeschenke oft zu viel da war und dank dieser Menschen trotzdem nichts weggeworfen werden musste.
Da ist die Geschichte vom 18.06.26, als ich offenbar stadtbekannt heimlich verfolgt und beim Wein-Einkaufen im Laden „Drink King“ fotografiert wurde. Das Bild ging mindestens an Igor. Tags darauf machte ich in meinem WhatsApp-Status gleich Werbung für dieses Geschäft, in dem man auch spätabends noch Softdrinks, Wein und Schnaps kaufen kann. Die Botschaft war einfach: Ja, ich trinke gerne zum Genuss ein Gläschen, wenn ich nicht am Strassenverkehr teilnehme.
Der 19.06.26 braucht einen eigenen Bericht. Askar wollte mich überraschen. Am Nachmittag gingen wir in die Natur, genauer an den Stausee bei Aqtöbe. Dort gab es eine grosse Veranstaltungsfläche, vor allem zum Grillen. Askars Vater spendete anlässlich meines Geburtstages ein Lamm, das an Schaschlikspiessen gegrillt wurde. Es war köstlich. Salate, Getränke und sogar kasachischer Cognac nur für mich wurden besorgt. Tequila brauchte am gesperrten Strandabschnitt in der Nähe einen Hundesitter im Wechsel, weil sie nicht in die Nähe der Besucher durfte. Leider gibt es von diesem Tag keine Bilder. Leider kam auch noch eine private traurige Nachricht aus der EU, über die ich mich hier bewusst ausschweige. Sie trübte meine Stimmung, und ich liess mich etwas früher heimfahren. Trotzdem bleibt diese freundschaftliche Geste lange in meinem Gedächtnis.
Auch der 21.06.26 fehlt noch: mein Geburtstag mit vielen lieben Menschen und mehreren Überraschungen. Dann die rückwirkende Abmeldung meines Mazda bei der Polizei am 28.06.26, das Beschbarmaq-Essen bei Bakhitkerey und seiner Familie am 29.06.26, die praktische Frage, wo man als Camper in kasachischen Städten frisches Brauchwasser und Trinkwasser bekommt, und die Einladung von Margarita und ihrer Freundin am 30.06.26, die mir Essen brachten und mich zu ihren Familien nach Hause sowie mit ihren Männern in die Sauna einluden.
Zeitlos bleiben die täglichen Selfies im Park. Offensichtlich sind Tequila und ich inzwischen eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt. Tequila führt gegen mich ungefähr 3:1. Das ist gerecht. Sie ist fotogener, souveräner und wahrscheinlich auch der bessere Brückenhund. Wo wir gehen und stehen, begegnen uns Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Wir werden eingeladen, bekommen Getränke, Essen, manchmal Geld, auf der Strasse und am Standort des Wohnwagens. Es ist zu viel für eine Randnotiz und zu wichtig, um es nur in einem Sammelabsatz zu erledigen.
Am 01.07.26 lud mich Askar zum Saunieren ein und buchte in der Nähe exklusiv für mich für zwei Stunden eine Sauna. Welch Entspannung. Am 08.07.26 verletzte ich mich beim Spielen mit Tequila, glücklicherweise nur mit Schürfwunden und nicht, wie bei Bechterew-Stürzen schon öfter erlebt, mit einer gerissenen Sehne. Am 10.07.26 schliesslich wird der Unfallwagen von den Transporteuren bei der Polizei geholt und vorgeladen, für die Abreise am nächsten Tag. Das ist der aktuelle Stapel offener Geschichten. Keine vollständige Chronologie, aber eine Landkarte. Und vielleicht ist genau das im Moment richtig: Erst die Abfahrt schaffen. Erst die Grenze erreichen. Erst Tequila, Wohnwagen, Mazda-Schrott und mich aus dieser kasachisch-russisch-lettischen Zollgleichung herauslösen. Dann zu Hause in Rottweil atmen, sortieren, schreiben und all jenen Menschen aus Algha, Aqtöbe und darüber hinaus die Artikel geben, die sie längst verdient haben.
Komm gut heim. ❤️😀
Ach Dieter,
Wahnsinn, was Dir im Guten und im Pech alles wiederfahren ist. Das sind Erfahrungswerte die für zwei Leben reichen und es tröstlich für mich zu wissen, dass es noch solch gute Menschen auf der Erde gibt.
Ich wünsche Dir eine glückliche Heimreise
Hallo aus der Heimat,
mit großem Interesse und Erstaunen fing ich heute an (bin kein fb-Fan), hier die Geschichte zu lesen. Unglaublich, welche Unterstützung Dir und Tequila da zuteil wurde. Und das unkompliziert, improvisiert, unglaublich praktisch und menschlich sehr beeindruckend. Das, was ich bisher las, wirft auf die Menschen dort ein sehr positives Licht und beweist einmal mehr die legendäre Hilfsbereitschaft, die man den Völkern dort nachsagt. Und ich bin sicher, dass Dir diese Erfahrung sehr viel helfen konnte, diese unglaubliche – und fast tragische Geschichte – einigermaßen gut durchzustehen. Nun also heißt es „Daumen drücken“ für die heiß ersehnte Heimreise! Wir freuen uns schon, wenn im Rosswasen wieder die gewohnte Stimme tönt „Tequila, hiiiieeer!“