Sonderbeitrag: Nackt gekommen, nackt gegangen

Standort: Monumentalfriedhof bei Bestamak (Kasachstan)

Am Strassenrand von Bestamak ragte plötzlich ein Monumentalfriedhof aus der unendlichen Steppe. Es ist ein Ort der steinernen Gegensätze, den ich in einer exemplarischen Collage (Titelbild) festgehalten habe.

Die Bilder zeigen die gesamte Bandbreite des Gedenkens:
Da ist das schlicht eingezäunte Grab eines Neugeborenen – ein hölzerner Pfosten markiert den kurzen Lebensweg. Daneben ein ocker gemauertes, nach oben offenes Mausoleum mit goldenen Kuppeln und Monden an den Ecken – eine prunkvolle Ausnahme gegenüber den sonst eher funktionalen, rot gemauerten Bauten. Schliesslich die monumentalen Marmorgräber und regelrechte Tempelanlagen, die jungen Frauen gewidmet sind.

Es ist eine verwirrende Mischung: Keine Kreuze, überall der islamische Halbmond, aber dennoch ein Mix aus sowjetischer Porträt-Tradition (unverschleierte Frauen!) und nomadischem Ahnenkult.

Die theologische Logik: Das Leinentuch

Dabei gibt es im Islam einen tiefen Grundsatz, der mich an diesem Ort besonders berührt hat: Dass Allah uns nackt auf die Welt bringt und uns nackt wieder zurückholt. Eine passende Referenz findet sich indirekt in der Sure 19 (Maryam), Vers 95:

„Und jeder von ihnen wird am Tag der Auferstehung ganz allein (nackt/vereinzelt) zu Ihm kommen.“

Im Islam wird der Verstorbene nur in ein schlichtes weisses Leinentuch (Kafan) gehüllt. Barfüssig, unbeschnitten, nackt unter dem Stoff – so tritt man vor seinen Schöpfer.

Der Koran und die nackte Natur

Du fragtest nach dem natürlichen Nacktsein im Koran. Während der Koran im gesellschaftlichen Kontext „Schamhaftigkeit“ (Haya) fordert, beschreibt er den Menschen in seinem Urzustand – im Paradies – als ursprünglich nackt und unschuldig, bevor das Bewusstsein für die Kleidung kam (Sure 7, Vers 22 und 26). Die Kleidung wird dort als „Gnade“ bezeichnet, um die Blöße zu bedecken, aber die „Kleidung der Gottesfurcht“ wird als die wertvollste bezeichnet.

Für mich als Naturist schliesst sich hier ein Kreis: Die Haut ist unser ehrlichstes Kleid. Während oben drüber prunkvolle Mausoleen aus Stein und Gold vom Status künden, liegt darunter die nackte, radikale Gleichheit des Leinentuchs. Die „Steine“ erzählen die Geschichte der Hinterbliebenen, aber die „Menschenwege“ enden so schlicht, wie sie begonnen haben.

Hinweis: Wer tiefer in diese steinerne Welt eintauchen möchte: Auf meinem Polarsteps-Profil finden sich 105 detaillierte Fotos dieses faszinierenden Friedhofs.

Dieser Beitrag hat mich zu weiteren Gedanken angeregt. Siehe Fortsetzung: [Die Suche nach der nackten Ehrlichkeit]

Und, DANKE für die tollen Kommentare! 🙏🏻

7 Kommentare zu „Sonderbeitrag: Nackt gekommen, nackt gegangen“

  1. In der Bibel gibt es eine Stelle bei Hiob, die Ähnliches beschreibt:
    „und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt.“
    Hiob 1.21

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  2. Hallo lieber Dieter,
    Dein Text bringt etwas auf den Punkt, das wir im Alltag konsequent verdrängen: Am Ende bleibt nichts – außer dem, was wir unmittelbar erleben.
    Der Lost Place, die Stille, das Offline-Sein – das ist keine Kulisse, sondern ein Gegenentwurf zur Dauerablenkung.
    Und dass du dort nackt bist, wirkt nicht provozierend, sondern folgerichtig: Wenn niemand zuschaut, fällt die Rolle weg. Übrig bleibt der Mensch.
    Dein Gedanke zur Angst trifft ins Schwarze: Sie entsteht meist im Kopf, nicht im Moment. Wer wirklich im Jetzt ist, hat schlicht keinen Raum für sie.

    Genau hier schließt sich der Kreis zu deinem Naturismus: Nicht als Rebellion, sondern als Konsequenz. Anfang und Ende sind gleich (geboren werden bis Friedhof) – warum also dazwischen so viel Verkleidung?
    Dein Socken-Beispiel in deinem folgenden Beitrag bringt es perfekt auf den Punkt: Du kannst alles besitzen – aber nichts (in den Tod) mitnehmen.

    Knackiger lässt sich die nackte Wahrheit kaum sagen.

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  3. Erst wollte ich nichts schreiben, da meine Detailkenntnisse zu den historischen Fakten nicht präzise sind.

    Nacktheit bei Geburt und beim Tod – ein schöner Gedanke aus naturistischer Sicht.

    Aus religiöser Sicht bezweifle ich aber diese Sicht. Egal ob Islam oder Christentum, Nacktheit scheint mir dort zu bedeuten, dass nichts vom irdischen Leben mit genommen werden kann. Keine Güter, Reichtümer, Titel – und auch keine Anwälte fürs Jüngste Gericht. Nacktheit scheint mir hier weniger als Befreiung dargestellt, sondern als Darstellung der Kleinheit des (sündigen) Menschen gegenüber G*tt.

    Die meisten biblischen Geschichten mit Nacktheit sind auch eher Scham oder Bestrafung:
    Hesekiel 23:26-29: Sie sollen dir deine Kleider ausziehen und deinen Schmuck wegnehmen. So will ich deiner Unzucht und deiner Hurerei, die du schon in Ägyptenland getrieben hast, ein Ende machen……Die sollen wie Feinde mit dir umgehen und alles nehmen, was du erworben hast, und dich nackt und bloß liegen lassen. Da soll die Schande deiner Hurerei und deine Unzucht und deine Buhlerei aufgedeckt werden
    Tobias 4:16: Teile dein Brot mit dem Hungrigen und von deinen Kleidern gib den Nackten.
    Offenbarung 16:15: Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig ist, der da wacht und seine Kleider bewahrt, damit er nicht nackt gehe und man seine Blöße sehe.
    Es gibt natürlich auch Ausnahmen wie Samuel 19:24: Da zog auch er seine Kleider aus und war in Verzückung vor Samuel und fiel hin und lag nackt den ganzen Tag und die ganze Nacht.

    Im weiteren haben Kulturen, welche die abrahamitischen Weltreligonen Judentum, Christentum und Islam praktizieren, in vielen Zeiten eine sehr körperfeindliche Einstellung gelebt. Aktuell vor allem viele Richtungen des Islam, bis zum Extrem der Burka.
    Die alte griechische Kultur wird auch häufig als Ideal des freien Körpers der Naturisten gesehen. Auch da habe ich Vorbehalte. Meines Wissens beschränkte sich Nacktheit auf Gymnasium und Sport – im Allgemeinen den Männern vorbehalten. Eine Art Vergötterung der Schönheit des Körpers, der dann die «Zweitklassigen» ausschliesst. So etwas wie völkischer Nudismus. Aus dem Gymnasiarchengesetzes von Beroia (vor 148 v. Chr.): „Welche nicht berechtigt sind, Mitglieder zu sein des Gymnasions: Nicht nackt antreten darf im Gymnasion ein Sklave noch ein Freilgelassener, noch deren Söhne… Ob das Leben im Gymnasion heute unter Pädophilie fallen würde?

    Die Römer haben die Darstellungen nackter Statuen von den Griechen übernommen, die Christianisierung konnte das nicht rückgägig machen.

    Genug der kritischen Worte. Ich sehe den Naturismus als logische Konsequenz und schönste Darstellung der Aufklärung, der Parolen der französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Was braucht es mehr?

    PS: Ich wiederhole: meine geschichtlichen Kenntnisse sind nicht fehlerfrei.

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    • Ganz herzlichen Dank für deine Ausführungen. Die Kleinheit des (sündigen) Menschen gegenüber Gott ist Gläubigen allerdings immer gegeben, nackt oder bekleidet.

      Für mich ist es ein Paradoxon, dass wir im Tode durch Nacktheit alle gleich sein sollen, doch im Leben soll man unseren vermeintlichen Stand durch Bekleidung unterscheiden können!?

      Übrigens war in sehr vielen Kreuzigungsdarstellungen Jesus am Kreuz nackt. Davon gibt es heute noch einige. Bei den meisten wurde später, meist mit Gips, der Penis verhüllt und ihm ein Tuch anmodelliert.

      Jedenfalls ist natürliche Nacktheit weder eine Todsünde noch eine der sieben Hauptsünden, auch keine unverzeiliche Sünde!

      Nacktheit kann jedoch sündig werden, wenn diese zu lüsternen Gedanken (Wollust) bei einem selbst führt. Deshalb unterscheiden wir Naturistinnen und Naturisten bzw. Nudistinnen und Nudisten, auch im Rahmen der FreiKörperKultur, zwischen natürlicher Nacktheit in der Regel im Umfeld der Natur oder im Privaten und einigen wenigen fremden perversen Dritten. Letztere und auch die Rotlichtbranche missbrauchen häufig die Buchstaben „FKK“ für sexuelle Handlungen sowie die bewusste, vermeintlich „erotische“ Zurschaustellung. Von diesen distanzieren „wir“ uns auf das Schärfste und halten unsere Reihen frei von solchen Idioten (leider meist Männer).

      Natürlich sind „wir“ sexuelle Menschen, doch dies halten wir im Privaten, wie es alle vernünftigen Menschen tun.

      Manchmal wird auch genannt, dass wenn Nacktheit bei Aussenstehenden zur Versuchung wird, öffentlich nackt zu sein, damit bei anderen zu lüsternen Gedanken führen, die/der Nackte damit zum Sünder bzw. Täter/in wird. Das halte ich jedoch für ausgemachten Blödsinn! Das wäre die gleiche Diskussion bzgl. einer Vergewaltigung, z. B. … das Opfer habe Mitschuld, weil es im Sinne des Täters zu aufreizend angezogen war. … Somit: NEIN, für Gedanken Dritter sind wir nicht verantwortlich! Diese Täter-Opfer-Umkehr, welche durchaus auf Grundlagen von Texten abrahamitischer (Menschen-/Männer-)Texte beruht, halte ich für ekelhaft! Wer so argumentiert, der gehöhrt bestraft und Täter doppelt.

      Im christlichen Kontext wird häufig Genesis 9, 20–27 angeführt: Noah nackt in seinen Privaträumen und zwei Söhne welche diese Scham, den Blick abgewandt, bedeckten. Für mich ist das eine normale Geschichte aus dem Leben und keine, welche den nackten Noah zum Sünder macht! Die Geschichte macht allerdings den ersten Sohn, welcher den nackten Noah zuerst sah, zum Sünder. Dies, weil er hinausging und darüber lästerte! Diese Stelle deute ich, dass der Schutz der Privatsphäre eine moralische Pflicht ist.

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      • Danke für deine Ausführungen, welche ich mit meinem Beitrag ausgelöst habe.

        Auch ich sehe keine Sünde gemäss Bibel in der Nacktheit. Aber wie ich die Stellen lese, wird Nacktheit als Manko dargestellt, oder als Bestrafung. Nacktheit als freie Entscheidung und vergnügliche Lebenseinstellung existiert nicht (ausser bei Samuel, siehe oben).

        Den nackten Jesus am Kreuz sehe ich als Blosstellung, Demütigung. Das spätere Verhüllen ist eine Praxis wie Bildersturm, Anpassung an spätere Ueberzeugungen oder Normen.

        Interessant ist natürlich das Gleichsein vor dem Herrn nach dem Tod. Ein Fortschritt der abrahamitischen Religionen, dass Könige nicht Könige bleiben in alle Ewigkeit. Das wird mit dem einheitlichen Leinentuch (ohne Taschen) schön erreicht. Allerdings wurde diese Aussicht auch häufig verwendet, um die bestehenden Ungerechigkeiten zu belassen und den Ausgebeuteten Ausgleich im Jenseits zu versprechen. Wie sagte doch eine alte Berner Adlige jeweils: «Im Himmel sind wir dann Alle gleich, aber hier wollen wir noch Ordnung halten.»

        Noch ein Gedanke zu deinem Text «Natürlich sind „wir“ sexuelle Menschen, doch dies halten wir im Privaten, wie es alle vernünftigen Menschen tun.»
        Dem stimme ich natürlich voll zu. Kannst du dir aber auch vorstellen, dass es Andere gibt, die es etwa so formulieren: «Natürlich sind „wir“ alle nackt geboren, doch Nacktheit halten wir im Privaten, wie es alle vernünftigen Menschen tun.» Vielleicht war das die Meinung der Männer in den frühen Morgenstunden bei Novoaleksandrovka. In unseren Breitengraden sollte sicher mehr Toleranz und Offenheit herrschen.

        Ich finde, Religion eignet sich nicht, Naturismus zu rechtfertigen oder zu verdammen. Ich bleibe bei der Aufklärung. Trotzdem würde ich einem religiösen Kritiker «Genesis 2:25» antworten!

        Gute und sichere Weiterfahrt!

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        • Danke, 07:45 Uhr Ortszeit, 04:03 Uhr Sonnenaufgang, naturistisch geeigneter Platz um diese Uhrzeit.

          Die Männer in Novoaleksandrovka zeigten sich nicht offen intolerant, doch der von dir genannten Meinung könnten sie gewesen sein.

          Wir Naturisten halten die natürliche Nacktheit ja auch mehr oder weniger im Privaten. Keiner von uns will nackt über den Wochenmarkt gehen. Wir praktizieren unsere Lebensweise vorrangig in der freien Natur. Das ist ein „Privatbereich“ welchen alle beanspruchen können.

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  4. Die Gedanken zum Verhältnis von Religion und Nacktheit kann man machen, mag auch ein Stück weit berechtigt sein. Aber, was mich stört, ist die der Religion oft unterstellte Autorität – sprich: Das steht in der Bibel, also ist das so.
    Und, Kultur und Menschheit sind aber im steten Wandel, die Bibel nicht.
    Robert schreibt ja, dass es in der Bibel unterschiedliche Bewertungen der Nacktheit gibt. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass es den „nackten“ Menschen, wie wir ihn heute verstehen, damals gar nicht gab. Wenn einem Menschen die Kleider genommen wurden, dann war er (je nach den äußeren Bedingungen) ohne Schutz, konnte seiner Arbeit nicht nachgehen, musste frieren, oder anderes.
    Das ist es (meiner Meinung nach als Altphilologe), was in den oben zitierten Bibelstellen gemeint ist. Wir müssen also in unserer heutigen Lesart aufpassen, wenn vom Nacktsein die Rede ist. Der Mensch damals hat sie anders verstanden als wir heute. Dafür gibt es sehr viele Belege in der lateinischen und altgriechischen Literatur.
    Super finde ich Dieters Argument der Täter-Opfer-Umkehr! Ich zitiere das nochmal hier, der Wichtigkeit halber: „Manchmal wird auch genannt, dass wenn Nacktheit bei Außenstehenden zur Versuchung wird, öffentlich nackt zu sein, damit bei anderen zu lüsternen Gedanken führen, die/der Nackte damit zum Sünder bzw. Täter/in wird. Das halte ich jedoch für ausgemachten Blödsinn! Das wäre die gleiche Diskussion bzgl. einer Vergewaltigung, z. B. … das Opfer habe Mitschuld, weil es im Sinne des Täters zu aufreizend angezogen war. … Somit: NEIN, für Gedanken Dritter sind wir nicht verantwortlich! Diese Täter-Opfer-Umkehr, welche durchaus auf Grundlagen von Texten abrahamitischer (Menschen-/Männer-)Texte beruht, halte ich für ekelhaft! Wer so argumentiert, der gehört bestraft und Täter doppelt.“

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