Gute Freunde muss man sich als Asperger besonders erarbeiten. Das gelingt erst richtig mit einer Diagnose. Ob man danach Hilfe annimmt oder sich selbst beliest, spielt keine Rolle – die logische Fähigkeit hilft uns, uns Wissen schnell zu erarbeiten. Meine hauptsächliche Behinderung ist, dass ich keine empathischen Antennen für negative Gefühle meines Umfeldes habe. Ich merke nicht, wenn jemand schlecht drauf ist. Das wird oft als Ignoranz wahrgenommen und führte früher zu Ausbrüchen meiner Mitmenschen – ich nannte sie „Rumpelstilzchen“.
Ich erkannte ihre Eskalationsstufen (Mimik, Gestik, Tonfall, Nebenbemerkungen …) nicht. Mit 9 Jahren versenkte ich einem tobenden Mitschüler auf dem Schulhof mein Knie in die Magengrube. Ruhe war! Ansonsten erledigte ich Menschen verbal – was oft schlimmer war als ein Schlag. Ohne Diagnose gilt man schnell als „egoistisches Arschloch“. Wir Asperger sind oft projektstarke Überflieger, die fälschlicherweise als Narzissten oder ADHSler verurteilt werden.
Ich rate jedem Asperger: Erklärt euch eurem Umfeld! Gebt Handlungsanweisungen! Ein Satz wie: „Ich würde jetzt gerne von dir in den Arm genommen werden“, hilft uns. Dieses In-den-Arm-nehmen ist für uns dann absolut ernst gemeint. Wir lassen uns von negativen Gefühlen nicht runterziehen – eine Freundin nannte mich deshalb liebevoll einen „glücklichen Idioten“. Das soziale Miteinander ist ein anspruchsvolles Projekt. Ein Segen der Corona-Zeit: Nicht mehr jeder will einem die Hand schütteln oder einen umarmen. Wir „hassen“ Berührungen von Fremden meist. Berührung lassen wir nur im Verhältnis zur persönlichen Nähe zu. Mit Maria darf es Sex sein, bei Freundinnen eine Umarmung, bei Freunden ein Handschlag …. Ein Freund hat eine „Brother-Umarmung“ – die lasse ich über mich ergehen, weil ich logisch realisiere, dass sie ihm guttut. Dann bin ich im Frieden damit.