Teil 6: Das Deklarations-Fiasko – Schalter 31 und die „Rote Frau“

Der Beamte gab mir eine gestempelte Kopie meiner Papiere und schickte mich zum Fahrzeugscanner. In der Türkei war das geordnet – hier herrschte pures Chaos. Kein Vorhof, keine Linien. Fünf oder mehr Reihen drängelten auf ein einziges Tor zu. Lkw hupten, Roadies in Luxuskarren versuchten sich dazwischenzuquetschen. Ein Kampf um Zentimeter, der bei einem Fehler eine Stunde Zeit kosten konnte.

Irgendwann klärten wir Wartenden untereinander die Reihenfolge ab – eine eingeschworene Bruderschaft gegen die Drängler. Um 7 Uhr morgens, 12 Stunden nach der Ankunft im Grenzbereich, war ich durch den Scanner. Ergebnis: Alles „sauber“.

Das Spiel beginnt: Zurück auf Los

Ich fragte nach dem Deklarationsdokument. „Erst nach dem Scanner“, hiess es. Danach fragte ich wieder. „Davay, davay“, wies man mich zum Ausgang. Doch 500 Meter nach dem Zoll kam der Fangschlag: Ein Kontrollpunkt forderte einen kleinen Zettel, den ich nicht hatte. Ohne die freigegebene Deklaration kein Zettel. Ohne Zettel kein Russland. Ich durfte nicht weiter, aber mit dem Gespann auch nicht zurück. „Bingo, Bingo, Mau, Mau.“

Ich musste zu Fuss zurück an Schalter 31. Dort bekam ich vier Blankoformulare (zweimal Mazda, zweimal Bürstner). Dann der Schlag: 9:00 Uhr, Schichtwechsel. Schalter zu. Über eine Stunde ging gar nichts mehr. Als es weiterging, hiess es: Schalter 31 bleibt zu, alle an Schalter 29.

Dort herrschte Krieg. Die Poleposition war weg, zwei Dutzend Menschen drängelten. Mittendrin eine aufgetakelte Frau im auffällig roten Mantel. Sie schob sich resolut an allen vorbei. „Wir Russen haben Vorrang!“, rief sie mir entgegen, als ich sie auf Englisch als „cheeky“ (dreist) bezeichnete. Zu meiner Genugtuung wurde sie wegen eines Fehlers im Formular sofort zurückgewiesen. „No human in the world is better“, hatte ich ihr noch entgegnet.

Der Rotstift-Marathon

Ich brauchte drei Anläufe im Schreibhäuschen:

  1. Fehler: Die Fahrgestellnummer muss in die Zeile „Serial Number“, nicht unter „Chassis Number“. Warum auch immer!?
  2. Fehler: In der Zeile „Person, welche den Antrag ausgefüllt hat“, stand mein Name – falsch laut Beamtin.
  3. Fehler: Die Beamtin strich meine Kreuze bei „Fahrzeugeinfuhr“ und „Tier dabei“ wieder durch. Es ginge nur um das Fahrzeug.

Beim dritten Mal zerknüllte sie sogar zwei meiner mühsam ausgefüllten Blätter, nur um dann festzustellen, dass ich für das Gespann ja doch vier brauchte. Sie fischte sie aus dem Müll. Ich verlor kurz die Fassung. Ich fluchte, ich käme in zwei Stunden wieder, ich müsse jetzt zu meinem Hund, der seit 5 Stunden eingesperrt sei.

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