Teil 7: Der Krieg am Fenster und das „Hunde-Wunder“

Nachdem Schalter 31 wegen des Schichtwechsels dichtgemacht hatte, brach im Zollgebäude Unruhe aus. Plötzlich bewegte sich die Masse wie auf Kommando auf Schalter 29 zu. Über eine Stunde lang passierte während des Wechsels absolut gar nichts – ein bürokratischer Totalstillstand. Ich fragte einen Beamten, der kurz in Schalter 31 verschwand, wann dort wieder geöffnet würde. Die knappe Antwort: „Gar nicht mehr. Schalter 29.“

Meine Poleposition war verloren. In Schalter 29 standen bereits zwei Dutzend Menschen in einem unkoordinierten Knäuel. Es gab keine Reihe, keine Reihenfolge. Es war ein wildes Gerangel um den Platz am Fenster, befeuert von den rücksichtslosen Fahrzeugüberführern, die sich auch hier wieder vordrängelten.

Die Frau im roten Mantel

Mitten in diesem Chaos tauchte eine aufgetakelte Frau im auffällig roten Mantel auf. Sie schob sich resolut von der Seite an allen vorbei, ignorierte jede soziale Norm und selbst die hartgesottenen Roadies hatten gegen ihren Ellbogeneinsatz keine Chance. Als sie an mir vorbeizog, entglitt mir auf Englisch ein trockenes: „That’s cheeky!“.

Die Antwort kam prompt und giftig: „Wir sind hier nicht in Deutschland! Wir Russen haben hier Vorrang!“ Offenbar hatte sie meinen Pass gesehen oder mein „Denglisch“ identifiziert. Ich entgegnete ihr nur: „No human in the world is better.“. Sie fluchte auf Russisch und drängte sich bis ganz nach vorn. Zu meiner inneren Genugtuung wurde sie jedoch kurz darauf wegen eines Fehlers in ihrer Deklaration eiskalt zurückgewiesen.

Der Rotstift-Marathon

Als ich endlich am Fenster stand, begann der wahre Test für meine AS-Logik. Neun von zehn Personen wurden mit ihren Zetteln weggeschickt – und ich war keine Ausnahme.

  • Runde 1: Ich hatte die Fahrgestellnummer unter „Chassis Number“ eingetragen. Fehler! Sie muss in die Zeile „Serial Number“!? Zudem hatte ich in der Deklaration wahrheitsgemäss angekreuzt, dass ich ein Tier dabei habe und unter 3.3 die Fahrzeugeinfuhr bejaht. Die Beamtin strich alles genervt durch: „Es geht nur um das Fahrzeug!“
  • Runde 2: Ich korrigierte alles handschriftlich auf neuen Blankoformularen in dem kleinen Schreibhäuschen nebenan, wo sich die Verzweifelten an den Wänden und Fensterbänken drängten. Zurück am Schalter: Wieder der Rotstift. Diesmal, weil ich meinen Namen in die Zeile „Person, welche den Antrag ausgefüllt hat“ geschrieben hatte. Ein fataler Fehler, warum auch immer. Es gab erneut neuer Formulare.
  • Runde 3: Zurück in die Reihe. Plötzlich herrschte kurz Ordnung – eine kleine, faire Bruderschaft aus zwei Schweizern, einem Chinesen, einem Spanier und einem Polentrupp hielt die Stellung. Doch dann das nächste Chaos: Ein Russe scherte aus, wollte „nur kurz rauchen“ und seinen Platz später wieder beanspruchen. Die „rote Frau“ wieder am drängeln. Das Gerangel ging von vorne los.

Der Durchbruch: Tequila rettet den Tag

Als ich der Beamtin zum dritten Mal meine vier Formulare reichte, geschah das Unfassbare: Sie zerknüllte zwei davon vor meinen Augen! Ich war fassungslos. „Ihr Kollege sagte, zwei für den Mazda, zwei für den Bürstner!“, erklärte ich verzweifelt. Sie fischte die zerknüllten Blätter aus dem Müll, erkannte ihren Fehler, und ihre Kollegin fing an zu lachen.

Mir war absolut nicht zum Lachen zumute. Ich verlor kurz die Fassung und fluchte, dass ich in zwei Stunden wiederkäme, selbst wenn ich nochmals einen halben Tag hier verbringen müsste. „Ich muss jetzt zu meinem Hund! Sie ist seit über 5 Stunden im Auto eingeschlossen!“

Dieser Satz wirkte wie ein elektrischer Schlag. Die Zöllnerin schrie erschrocken auf, wiederholte „Hund, Hund!“ und begann hektisch mit ihrer Kollegin zu diskutieren. Das Fenster ging zu. Kurze Zeit später ging es wieder auf: Sie drückte mir die unterschriebenen und abgestempelten Formulare in die Hand – eines davon war noch sichtlich zerknüllt und so gut es ging glattgestrichen. „GO!“, sagte sie nur noch.

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