(25.05.26) Das Auge des Betrachters wird auf Reisen gerne mit weichgespülten Postkartenmotiven gefüttert. Am Südufer des Yssykköl, genauer gesagt am Strandabschnitt vor dem Bel-Tam Yurt-Camp, dem Chyrak Yurt Camp, dem Tasmal Yurt Camp und zwei weiteren unbenannten touristischen Ansiedlungen in Tong – in digitalen Kartenwerken auch als „Picknick Areal Stone Beach“ deklariert, beginnt diese Realität mit einem logischen Kontrapunkt. Einem 200-Liter-Ölfass. Dieses ehemals industrielle Behältnis dient hier als improvisierte Mülltonne, ist seit geraumer Zeit kapazitär absolut überfordert und wird von einer äquivalenten Menge an Zivilisationsabfall sowie den Überresten einer defekten Heizung flankiert. Es ist das visuelle Eingangstor zu einem Strand, der bei genauerer, prozessualer Betrachtung eine bemerkenswerte Dualität offenbart.










Wer den Blick jedoch senkt und die makroskopische Ebene verlässt, stösst auf eine faszinierende, hochgradig effiziente Überlebensmatrix. In dieser schwierigen, sandigen, salzigen, trockenen und steinigen Umgebung fristet eine artenreiche Flora ihr Dasein. Es sind sensible Lebewesen, die ohne jegliche menschliche Unterstützung ein florierendes Ökosystem bilden. Würden diese Pflanzen ein Logbuch führen, so sähe ihre tägliche Zustandsanalyse vermutlich wie folgt aus:
„Wir besetzen hier präzise die uns zugewiesenen Nischen im sandigen Nirgendwo. Unsere Wurzeln extrahieren die minimale Feuchtigkeit aus dem salzig-trockenen Solum, während unsere Blüten in allen erdenklichen Farben fluoreszieren. Wir fordern nichts, wir protestieren nicht. Wir existieren einfach im Rhythmus der eurasischen Natur. Zwischen uns ist ausreichend Raum – reiner, unberührter Stein- und Sandboden. Jeder zweibeinige Besucher könnte uns mit minimaler visueller Sensorik und einem Funken motorischer Koordination problemlos umgehen, um unsere empfindliche Struktur zu schützen.“
Die Realität auf diesem biologisch wertvollen Untergrund sieht jedoch anders aus. Der gesamte Strandabschnitt ist flächendeckend mit Müll, Zigarettenkippen und vor allem mit unzähligen Glasscherben übersäht. Ein Zustand, der für mein autarkes Logistiksystem eine handfeste Bedrohung darstellt. Tequila, meine Cane Corso-Hündin, begleitete mich auf rund einem Dutzend Exkursionen an dieses Ufer. Jeder dieser Gänge war von einer latenten, kalkulierbaren, aber lästigen Sorge begleitet: der akuten Gefahr, dass sich das Kraftpaket an einer der scharfkantigen Hinterlassenschaften die Pfoten aufschneidet. Barfussgehen ist an diesem Strand unmöglich. Selbst für den temporären Übergang in das flüssige Element des Yssykköl sind Badeschuhe eine unumstössliche, mechanische Notwendigkeit.
Gemäss meinem unumstösslichen Lebensmotto „Verlasse jeden Ort der Welt ein wenig besser, als du ihn angetroffen hast“, wurde jeder Rückweg vom Strand konsequent als logistische Reinigungsfahrt genutzt. Die Kapazitäten meiner Hände wurden maximal ausgelastet, um Glasflaschen, Dosen, Plastikflaschen und Folienreste aus der Natur zu extrahieren. Zielort dieser Fracht war die im Bel-Tam Yurt-Camp installierte Abfall-Sortierstation.

Die im Camp vorgefundene Sortierstation suggeriert eine westlich geprägte Kreislaufwirtschaft. Ob dieses System am Ende der Kette reine Makulatur und optisches Greenwashing für das ökologische Gewissen der internationalen Klientel ist – sprich: ob im finalen Abtransport doch wieder alles unkontrolliert zusammengeschmissen und auf einer ungesicherten Deponie im Hinterland landet, lässt sich nicht verifizieren. Die Vermutung liegt nahe. Dennoch ist die Existenz solcher Stationen positiv zu bewerten. Sie fungiert als kognitiver Trigger, um überhaupt erst ein Bewusstsein für Mülltrennung in der Region zu verankern. Dass Kirgistan zu realem Recycling fähig ist, beweisen die direkt hinter der Grenze installierten Wertstoffsammler: Riesige, unübersehbare Drahtkörbe in Form von monumentalen PET-Flaschen, die von der Bevölkerung auch exakt für diesen Zweck genutzt werden.
Für den Ist-Zustand des „Stone Beach“ gibt es eine klare, kausale Verantwortungskette, die sich in zwei Segmente unterteilen lässt:
- Die Primärverursacher: Asoziale Subjekte, welche ihren Zivilisationsmüll mangels basaler Sozialisation schlicht an Ort und Stelle in die Umwelt fallen lassen.
- Die Sekundärverantwortlichen: Die umliegenden Camp-Betreiber. Wer ökonomisch vom Tourismus und der unberührten Natur profitiert, hat eine unmittelebare, unternehmerische Pflicht im Sinne der Nachhaltigkeit und der eigenen Marken-Pflege.
Der Zustand des Strandes erfordert kein punktuelles Aufheben einzelner Flaschen, sondern eine koordinierte Grossaktion. Eine realistische Prozesskalkulation ergibt folgendes Szenario: Ein Trupp von fünf Arbeitskräften, ausgestattet mit adäquatem Werkzeug, müsste eine volle Arbeitswoche (ca. 40 bis 50 Stunden) investieren, um das Areal grundzureinigen. Um diesen Zustand zu halten und den Strand innerhalb eines Jahres wieder in einen barfusstauglichen Zustand zu versetzen, ist eine anschliessende, wöchentliche Kontroll- und Nachreinigungs-Schleife unumstösslich.
Sollten die Verantwortlichen und Betreiber der umliegenden Destinationen diesen Report analysieren, ergeht hiermit eine klare, handwerkliche Instruktion: Wenn ihr eure Mitarbeiter zur Strandreinigung delegiert, lasst sie mit kleinen Handrechen agieren. Geht behutsam mit den sensiblen, farbenfrohen Pflanzen um, die zwischen den Steinen überleben. Zerstört nicht die genuine Flora im Eifer der Müllbeseitigung. Denn die Existenz dieser zähen, autarken Lebewesen ist das eigentliche Fundament für ein nachhaltiges, authentisches Image, von dem eure Unternehmen schlussendlich leben.
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Ja das haut mich wieder mal um, wir hier versuchen, den Müll so gut es geht zu trennen und in diesen fern gelegenenParadiesen wird extremer Raubbau an der Mutter Erde betrieben.
Da frage ich mich schon, was ein Fliegenschissland wie Deutschland bewirken soll