(06.06.2026) Der Aufprall war heftig und zog eine Kettenreaktion nach sich. Mein Mazda rammte den alten Lada Niva des Unfallgegners mit grosser Wucht und schob den kleinen Geländewagen ein erhebliches Stück auf der Fahrbahn vor sich her. Durch die Wucht des Einschlags knickte mein gesamtes Caravan-Gespann unkontrolliert ein und drückte den Lada unbarmherzig in Richtung der Mittelleitplanke. Als die physikalische Bewegung endlich zum Stillstand kam, bot sich ein Bild der Zerstörung: Der Lada Niva stand im exakten rechten Winkel zur Leitplanke blockiert, während mein Wohnwagen noch grob in der ursprünglichen Fahrtrichtung positioniert war. Der Mazda hatte sich durch das Einknicken im direkten Kontakt mit dem Caravan fast komplett gegen die eigentliche Fahrtrichtung gedreht.
Nur wenige Sekunden nach dem Stillstand rannte ein Mann laut schreiend auf den demolierten Geländewagen zu. Woher dieser Mann kam, konnte ich in diesem Moment nicht sicher feststellen. Später stellte sich heraus, dass es sich um den Fahrer des Lada und Vater des Säuglings handelte, der nicht mehr hinter dem Steuer sass, sondern das liegengebliebene Fahrzeug vor dem Aufprall verlassen hatte. Auf der Fahrbahn selbst hatte er jedenfalls nicht gestanden; dort hätte ich ihn in meiner Annäherungslinie zwangsläufig wahrgenommen. Und, so brutal nüchtern diese Feststellung klingt: Genau das war sein Glück. Hätte er sich in diesem Moment auf der Strasse befunden, wäre der Ausgang mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich gewesen. Meine logische Rekonstruktion aus der eigenen Wahrnehmung spricht dafür, dass er sich irgendwo hinter oder nahe der Leitplanke aufgehalten haben muss. Sicher behaupten kann ich es nicht. Dafür lief alles zu schnell, zu komprimiert und zu sehr innerhalb jener Sekundenlogik ab, in der das Gehirn keine vollständige Umgebungskarte mehr speichert, sondern nur noch Hindernisse, Bewegungsachsen und Überlebensparameter.
Aus meiner Position im Cockpit konnte ich zunächst nicht erkennen, ob sich im Inneren des Lada noch Passagiere befanden. Der Mann versuchte im Zustand sichtbarer Panik, einen Zugang in das blockierte Fahrzeuginnere zu erzwingen. Binnen kürzester Zeit hielten weitere Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn an, sodass sofort gut ein Dutzend Helfer an der Unfallstelle präsent waren. Ich verliess den Mazda über die Beifahrerseite, da die Fahrerseite blockiert war, und warf einen schnellen Kontrollblick auf die Rückbank meines SUV. Meine Cane Corso-Hündin Tequila sass zwar sichtlich verdutzt, aber vollkommen munter und unverletzt auf ihrem Platz. Ihr Sicherheitsgeschirr hatte sie zuverlässig fixiert.
Ich fokussierte mich sofort auf den Lada Niva, an dem mehrere Männer verzweifelt versuchten, die deformierten Türen aufzureissen – ein absolut aussichtsloses Unterfangen. Beim Blick durch die Scheiben erkannte ich die dramatische Lage: Im Fahrzeug befanden sich eine Frau und ein gerade einmal vier Monate altes Baby. Beide waren unangeschnallt und für das Kind existierte keinerlei Babysafe oder eine adäquate Schutzeinrichtung. Man muss dazu erwähnen, dass es in Kasachstan, völlig entgegen den strengen gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland, zur gängigen und gefährlichen Praxis gehört, dass Fahrgäste sich im Auto grundsätzlich nicht anschnallen. Ich drängte mich nach vorne an die Windschutzscheibe des Lada. In diesem Moment kam mir meine Qualifikation als Kraftfahrzeugmechanikerhandwerksmeister zugute. Ich analysierte die Konstruktion des alten Modells blitzschnell und sah die mechanische Lösung: Die Windschutzscheibe war nicht modern verklebt, sondern in einem klassischen, alten Gummiprofil eingezogen.
Ohne Werkzeug packte ich den Keder und zog ihn mit einer gezielten Bewegung aus dem Dichtungsgummi der Scheibe. Ich bedeutete einem der kasachischen Helfer per Gestik, dass er von innen gegen die Scheibe drücken musste, während ich von aussen zog. Er verstand die logische Anweisung sofort, und im nächsten Moment war die Windschutzscheibe entfernt und ein barrierearmer Zugang geschaffen. Über diesen Weg gelang es einem jungen Mann, von innen eine der verklemmten Türen mit massiver Beinkraft aufzutreten. Der Vater nahm sofort das Baby entgegen, das äusserlich keine Verletzungen aufwies. Spätere, allerdings ungenaue Informationen aus dem Krankenhaus ergaben die Erleichterung, dass das Kind wahrscheinlich eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Die unangeschnallte Ehefrau lag derweil quer auf der Rückbank. Sie war bei vollem Bewusstsein und ansprechbar, weshalb die Helfer richtigerweise entschieden, sie nicht unkontrolliert zu bewegen, sondern auf die professionellen Sanitäter zu warten. Der Rettungsdienst und die Polizei trafen bereits nach wenigen Minuten am Unfallort ein. Die Ehefrau erlitt nach meinen späteren, unvollständigen Informationen wohl eine Fissur im Beckenbereich. Die wichtigste und alles entscheidende Nachricht, die mir in den Folgetagen von mehreren Seiten bestätigt wurde, lautet jedoch: Weder beim Säugling noch bei der Mutter werden irgendwelche bleibenden Schäden zurückbleiben. Dieser Fakt stand für mich bei allen bürokratischen Konsequenzen immer an oberster Stelle, und ich habe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten ständig nach ihrem Zustand erkundigt.